Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 205 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. SeligKüwrtz: Lebensfragen der Indischen Religion 205 ligionswissenschaft — ist nicht ein vom Fimmel niedergesandtes fertiges Gebilde, das unverändert dasselbe zu bleiben bestimmt war. Es hat einen Weg fortschreitender Selbstentwicklung durchlaufen. Männer und Eharaktere, Verhältnisse, Ideen, Grundsätze haben ihm ihr Gepräge aufgedrückt, ihm Form und Gestalt gegeben, die mit dem Wechsel derselben selbst wechseln mußten. Das Judentum ist Judentum in allen seinen Entwicklungsepochen. Das mosaische und das prophetische, wie das rabbinisch-talmudische, das stagnierende Judentum des Mittelalters, wie das lebendig und mannigfach bewegte der Gegenwart — ein jedes war und ist für seine Zeit das Judentum, wie verschiedenartig auch seine Erscheinung und seine Gestaltung in den verschiedenen Zeiten sein mag. Und so ist auch das Judentum in der Auffassung und Empfindung jedes Einzelnen, der ihm mit der vollen Rraft seines sittlichen Wollens angehört, wahrhaftes Judentum. Ja, ein jeder darf und kann glauben, daß er es in seiner. vollen Wahrheit erfaßt habe; und er wird nicht irre gehen, wenn er sein Leben im Judentum nur nach dieser seiner Ueberzeugung gestaltet. Aber, er soll auch dieses Recht - jedem anderen zugestehen, dem es mit . seiner Ueberzeugung ebenso ernst ist wie ihm. Der Rampf auf religiösem Gebiet wird alsdann niemals gegen religiöse Ueberzeugung und gegen die aus derselben hervorgehenden Lebensgestaltung, sondern nur gegen religiösen Schein, gegen religiösen Indifferentismus und gegen religiösen Zwang gerichtet sein. Mögen die Motive der Einsetzung der biblischen, nachbiblischen und rabbinischen Vorschriften und Gesetze, welche immer gewesen sein — der Motive gibt es vielleicht so viele als Vorschriften. — Die Motive entstehen in ihrer Zeit und vergehen auch mit der Zeit; der Zweck jedoch liegt im Wesen des Menschen und ist dauernd wie die Gattung Mensch; denn zum Menschen gehört sein religiöses Bedürfnis. Das religiöse Bedürfnis ist eine so sichere Tatsache wie jede andere, sie kann auf natürliche psychologische Ursache zurückgeführt, sie kann erklärt, aber nicht geleugnet werden. Die Menschen, äußerlich verschieden, durch Abstammung, Rlima und Erziehung, sind dem Wesen nach immer dieselben und werden von denselben Grundgefühlen beherrscht. Die Verschiedenheit dringt wohl tief, so tief, daß das religiöse Bedürfnis nicht bei allen in derselben Stärke vorhanden ist, wie überhaupt alle Gefühle bei verschiedenen Menschen in verschiedener Stärke auftreten, aber, wie alle Menschen hassen und lieben, wie alle Menschen wissen, was Freude und .Schmerz ist, so haben auch alle Menschen ein religiöses Bedürfnis. Das religiöse Bedürfnis ist gleichsam der ruhende j)ol in der Flucht der Erscheinungen und hier ist a u ch d e r P u n f t, xoo das selbstbewußte Judentum ansetzen muß. Man irrt jedoch, wenn man fürchtet, daß dieser Anspruch auf das Recht der Selbstbestimmung in religiösen Dingen zu einer Zersplitterung und Selbstauslösung des Judentums führen müsse. Es ist nicht diejenige Pflanze die unedelste und unkräftigste, die in Zweig und Blatt, in Blüte und Frucht die reichste Mannigfaltigkeit hervorbringt, nicht diejenige Nation die schwächste, die der freien Entfaltung der Individuen den meisten Spielraum bietet. Den Samenkörnern jenes Baumes werden keine fremdartigen Pflanzen entsprießen, die ausgeprägten Individualitäten jenes Volkes werden die Gemeinschaft nicht verleugnen, der sie entsprungen sind. Das Judentum hat aus der Fülle seiner Lebenskraft sich in allen Zeiten und in allen