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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 204

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 204 (sequence 12)
Language
German
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204 O 0 o o Ar. SMgkowrtz: Lebensfragen der Jüdischen Religion Wettkampf der Geister, in dem allein die Wahrheit ihr Lieben betätigt. Das lehrt ein großer, weiter Blick in die Geschichte, Leben und Blüte in wissen und Glauben zeigen uns nur solche Zeiten, in denen sich die Meinungen aneinander reiben; die Zeiten dagegen, in denen alles in gleicher Weise aus einen Kodex schwört, sind immer Zeiten der Erstarrung. Die Religion selbst lehrt, daß dem Menschen die absolute Wahrheit, das Antlitz Gottes, ewig verhüllt bleibt; nur die menschliche, die relative Wahrheit vermag er sich zu erringen. „Wahrheit ist der Name und das Siegel Gottes." Daher bleibt sie dem Menschen als zeitlichem Wesen, seinem von Raum und Zeit eingeschlossenem Denken und Begreifen ewig entrückt. So entstehen mit Notwendigkeit viele Formen der Religion, welche alle psychologisch notwendig und insofern richtig und wahr sind, und von denen doch keine einzige die absolute Wahrheit ist, weil das göttliche Wesen in keine menschliche Schranke eingesügt werden kann. Alle Religionen sind tastende Symbolisierungen des Göttlichen, keine aber die absolute Erkenntnis derselben. — Diese Begrenzung des Lehrgebietes der Religion ist nicht etwa modern; sie ist so alt wie die Lehre Mose. Der große Gesetzgeber erklärt selbst die Religion nicht anders. „Siehe, ich lege vor Dich das Leben und das Gute, den Tod und das Böse, wenn ich Dir das Gebot gebe." Die Antithese Religion und Unreligion ist also: Leben und Tod, das Gute und das Böse, — nicht aber die Wahrheit und die Lü<ge. Diese bleiben der Gedankenarbeit des Menschen anheim gegeben, der zu diesem Zweck mit Geist ausgestattet ist. Religion ohne Toleranz ist ein Baum, der keine Früchte trägt. Eine Lehre, sei deren Irrtum noch so groß, durch äußern Zwang unterdrücken wollen, heißt, den Irrtum zur Wahrheit stempeln, heißt, ihm ein Zeugnis g.eben, daß der Geist zu. schwach ist, mit Vernunftgründen ihn widerlegen zu können. Umgekehrt, eine Lehre, deren Wahrheit noch so vollkommen und erhaben ist, mittelst äußern Zwanges zur Anerkennung bringen wollen, heißt, ihr das Siegel des Irrtums aufdrücken, heißt, von ihr das Geständnis ablegen, der Geist vermöge nicht, sie als Wahrheit zu begründen. Wahrheit muß und kann sich durch sich selbst erhalten, wie der Irrtum auch den Todeskeim schon in sich selbst trägt. -i- * -k- Es ist das Geheimnis jeder geschichtlichen Erscheinung, wie jeder natürlichen, daß sie nirgends in ihrer Totalität zu erfassen ist und doch in allen ihren Schöpfungen ihr eigentümliches Wesen zu erkennen gibt. Wer ^sagt uns vom Baum, was sein Wesen ist? Gb wir es in der Wurzel oder im Stamm, in der Frucht oder im Samenkorn zu suchen haben? wer kann uns im Leben einer Nation den Moment ihres Daseins bezeichnen, in dem sich die ganze Fülle ihrer Eigentümlichkeit zu erkennen gibt? wer möchte gar sich unterfangen, irgend eine dieser allmählich sich entfaltenden Erscheinungen der Geschichte und der Natur an irgend einem Punkte ihres Werdens durch ein unwandelbares Gebot festzuhalten? Das Judentum aber ist eine geschichtliche Erscheinung und als solche kann es nicht in einer Zeit und in einer Form sein ganzes und allein wahres Wesen ausprägen, sondern nur in der Gesamtheit seiner Erscheinungen und Gestaltungen sich zu erkennen geben. Das. Judentum — so lehrt die Geschichte und Wissenschaft des Judentums, so wie die vergleichenden Re-

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