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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 203 (sequence 11)
Language
German
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Ar. KeUgkorvitz; Lebensfragen der jüdischen Religion 203 kurzer Zeit dem Verkehr erschlossen, so daß spätere Generationen die Grabstätten ihrer Ahnen nicht mehr zu finden vermögen. Es gehört auch nicht zu den Seltenheiten, daß bei der Bebauung solcher ehemaliger Friedhofsflächen die Gebeine verstorbener bloßgelegt und wie Spreu von rohen Gänden umhergeworfen werden, verletzt das etwa nicht das religiöse Gefühl? Demgegenüber muß doch zugegeben werden, daß Urnenhallen bleibendere Stätten sind, wo die irdischen Ueberreste eines Menschen meist sicherer geborgen sind als in Gräbern. Noch den spätesten Enkeln ist hier Gelegenheit gegeben, Pietät zu üben und die Erinnerung an teure Verklärte zu erneuern. Alle die hier berührten Fragen bedürfen dringend der Erörterung und Klärung. Darum ist es mit Freuden zu begrüßen, daß der liberale Rabbinerverband bereits für den Herbst eine neue Generalversammlung in Aussicht genommen hat, um angesichts der veränderten Situation einheitliche Normen zu schaffen. "Denn es ist in allen Fällen besser, wenn man nicht gezwungen ist, als einzelner nach eigenem Ermessen zu handeln, sondern auf die Beschlüsse einer Gesamtheit sich stützen kann. Lebensfragen äer Mifcken Religion. Von Dr. B. 5eIigKowitz-(öttlen. eligion gehört zu den subjektiven Aeußerungen der Menschennatur, ist Sache der Empfindung, perlen sucht man in der Tiefe des Meeres, R^igion sucht man in der Tiefe des Herzens, was aber mein Inneres 1tef ergreift und die Saiten der Seele in rhythmische Schwingungen bringt, muß nicht immer in dem Kerzen eines Anderen eine gleichergreifende Wirkung erzielen. In seinem Ebenbilde schafft sich der Mensch seine Gottheit. Nur das, was er in seinem Selbstbewußtsein entwickelt hat, wird ihm zum Band zwischen dem Sinnlichen und Übersinnlichen, das heißt zur Religion. Obgleich die Religion ein Erbteil der Väter ist, müssen wir sie uns dennoch erst erwerben, um sie unser volles Besitztum zu nennen; jeder aber erwirbt sie sich in anderer Art, in anderem Grade. Denn über das Wesen des Göttlichen kann Niemand positives aussagen, daher kann auch keine allgemeine Formel gefunden werden, welche für alle Individuen allgemein gültig und verbindlich wäre. Eben daraus erklärt sich die Verschiedenheit der Religionen, Konfessionen und der Sekten innerhalb einer und derselben Religion. Jeder Zwang zur Uniformierung ist gegen die Natur und das natürliche Recht der Individualität. Je niedriger der Mensch in seinem Erkennen und Wollen steht, umso niedriger ist auch seine Gottesverehrung. Je höher der Mensch entwickelt ist, umso höher, sittlicher und geistiger stellt er sich seinen Gott vor. — Ein alter jüdischer Lehrer vergleicht die Verschiedenheit der Religionsmeinungen unter den Menschen mit der Mannigfaltigkeit in Form, Ausdruck und Bildung des menschlichen Gesichtes. Das Gleichmäßige und Einförmige ist etwas Ungehöriges und Unschönes/ der gesamten Naturordnung, dem offenkundigen plan des Schöpfers zuwider. In jedem Glauben und in jeder Philosophie ist eine Mischung von wahrem und Unwahrem. Die vollere Einsicht aber liegt in der Erkenntnis, daß gerade der Kampf der Meinungen die höchste Wahrheit sei. Jede Unduldsamkeit dagegen und jeder Fanatismus, auf welcher Seite sie sich auch zeigen mögen, stören immer den

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