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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 202

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 202 (sequence 10)
Language
German
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202 Dr. Silberstern: Zur Frage der Feuerbestattung tung unseres Bestandes nicht nach ihnen richten. Die anderen Konfessionen sind durch Zahl und Organisationen stark genug und können sich den Luxus leisten, durch Unduldsamkeit den religiösen Zndifferentismus zu begünstigen, wir aber haben alle Ursache dafür zu sorgen, daß nicht durch eigene schuld Verbitterung gegen das Judentum geschaffen werde und unsere Reihen sich nicht noch mehr lichten, als es ohnehin schon der Fall ist. wir müssen in allen solchen Fragen das weiteste Entgegenkommen zeigen, und wir können es in dieser Frage um so eher, als kein Religionsgesetz uns daran hindert und nichts von uns verlangt wird, was mit unserm religiösen Gewissen sich nicht vereinigen läßt. Der Liberalismus wird sich auch hier als das wahrhaft konservative und erhaltende Element im Judentum erweisen. Soll nun einer Jüdischen Gemeinde der Bau eines eigenen Krematoriums gestattet werden? — Das ist eine Frage, die nicht a priori entschieden werden soll und kann. Denn es muß selbstverständlich alles vermieden, was als Propaganda für die Feuerbestattung durch die Religionsgemeinde ausgelegt werden könnte. Auch hat diese Frage nur für Großgemeinden eine Bedeutung und ihre Erledigung wird sich hier ganz nach dem Umfange richten, den die Feuerbestattung im Laufe der Zeit in jüdischen Kreisen annimmt. was endlich die Beisetzung der Aschenreste betrifft, so wird im allgemeinen daran festgehalten werden müssen, daß die Urne in einem Sarge der Erde übergeben werden soll. Es wird allerdings bei unbefangener Beurteilung zugegeben werden inüssen, daß der Aufstellung einer Urne in einer Urnenhalle ebenfalls nur die Sitte und nicht das Religionsgesetz im Wege steht. Denn dem Schriftworte: „Von Staub bist du, zu Staub wirst du", ist bereits durch den Verbrennungsakt entsprochen worden. Es kann auch nicht behauptet werden, daß die jüdischen Gräber zu allen Zeiten die heute übliche Gestalt gehabt haben. Es war vielfach Sitte, die Särge in ausgemauerten oder ausgehauenen Grüften beizusetzen, oder in geräumigen Felsenkammern, die mit Treppen und Türen versehen waren. Rlan hatie also Grabstätten die zugänglich waren und in. denen ebenfalls die irdischen Ueberrefte nicht in unmittelbare Berührung und Vermischung mit dem Staube des Erdbodens kamen. Auch heute werden noch vielfach solche Grabgewölbe anstandslos gestattet, wenn also der Feuerbestattung an sich kein widerstand entgegengesetzt wird, so ist doch eigentlich gegen Urnenhallen nichts einzuwenden. Denn der Unterschied, daß diese sich über der Erde, die Grabgewölbe aber immerhin in oder unter der Erde sich befinden, tut nichts zur Sache. Denn die Beisetzung der Leichen in Vertiefungen geschah einmal mit Rücksicht auf den Verwesungsprozeß, der doch nicht über der Erde vor sich gehen, kann, sodann aber, um die Leichen nach Rköglichkeit vor Schändung zu schützen. Beide Gründe kommen bei der Urnenhalle ja nicht in Betracht. Es wird nun häufig eingewendet, daß Urnenhallen das menschliche Gemüt kalt und unbefriedigt lassen und nicht die ernsten Gedanken auslösen, welche die Friedhöfe im Menschen wach rufen. Ich glaube aber, dieser Einwand beruht mehr auf einem Vorurteil. Zch wenigstens vermag nicht einzusehen, weshalb ästhetisch angeordnete Urnen nicht ebenso stimmungsvoll wirken, und dieselben religiösen Gefühle erzeugen sollen, wie die stummen Grabsteine. Ja, die Urnenhalle hat sogar in mannigfacher Beziehung einen Vorzug vor dem Friedhof. Denn -abgesehen davon, daß die Grabpflege vielfach recht erschwert ist und manches zu wünschen übrig läßt, fallen die Friedhöfe häufig dem rastlosen Getriebe des Lebens zum Opfer. Sie werden nicht selten nach verhältnismäßig

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