Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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o o o o Nr. Silberstern: Znr Frage der Feuerbestattung 201 als wenn er seine Mitwirkung überhaupt verweigert hätte. Ls ist keine Toleranz, die gerade im ernstesten Momente, wo "der Leichenzug sich in Bewegung setzt, versagt und vor aller Öffentlichkeit dokumentiert: „Das, was hier geschieht, verabscheue ich!" — Wenn man dem Leichenzuge folgt oder im Krematorium spricht, so hat man damit noch lange nicht mit der Feuerbestattung sich einverstanden erklärt. Der Rabbiner hat ja auf der Ranzel wie im persönlichen Verkehr Gelegenheit genug, seiner Gemeinde seinen abweichenden Standpunkt zu erkennen zu geben und für die Beibehaltung der altehrwürdigen Sitte der Lrdbestattung einzutreten, so daß kein Zweifel über seine wahre Meinung bestehen kann. Aber an der jDforte des Todes ist es nicht angebracht zu demonstrieren und andren vorzuschreiben, wie sie denken sollen. Da muß Toleranz in weitestem Maße geübt werden von jedem, der den Anspruch erhebt, wahrhaft liberal zu sein. Vollends verfehlt ist endlich der Hinweis auf das ablehnende Verhalten der katholischen und protestantischen Geistlichen. Denn abgesehen davon, daß diese vom Kirchenregiment abhängig sind und nicht selbständig handeln dürfen, möchte ich die Frage aufwerfen: „Seit wann uns die christliche Kirche als Vorbild dient?" Ich denke, das ist chukath hagoj! Ls ist doch bisher in unserer Mitte immer als ein Vorzug angesehen worden, daß der Geist des Judentums so ganz anders geartet ist als der des Thristentums. Gerade durch unser abweichendes Verhalten von der christlichen Geistlichkeit in der Frage der Feuerbestattung werden wir der Welt zeigen, wo die wahre Liebe und Duldsamkeit gelehrt und betätigt wird und so dem Judentum einen Dienst erweisen. Das Judentum wird dadurch nicht an Ansehen verlieren, sondern nur gewinnen. Glauben wir es aber den christlichen Geistlichen gleich tun zu müssen, so dürfen wir uns nicht wundern, wenn auch wir zu den Finsterlingen gerechnet werden und das Judentum nicht als ein lebenskräftiges Gebilde angesehen wird, das allen Wandlungen und Anschauungen der Zeit zu trotzen vermag. Ls darf übrigens schon heute als sicher angenommen werden, daß auch die protestantische Kirche ihren Standpunkt in dieser Frage revidieren wird. Man empfindet es auch dort als eine unverantwortliche Härte, wenn Menschen, die ein einwandfreies, sogar streng kirchliches Leben geführt haben, im Tode die kirchlichen Lhren verweigert werden, lediglich deshalb, weil sie aus irgendwelchen Gründen die Linäscherung ihrer Leichen angeordnet haben. Die Angelegenheit hat bereits die Generals^node beschäftigt und diese hat an den Oberkirchenrat das Ersuchen gerichtet, die Bestimmungen betreffend die Beteiligung der Geistlichen bei Feuerbestattungen neu zu regeln. Gibt aber der Oberkirchenrat die Beteiligung der Geistlichen frei, dann wird er ganz gewiß nicht den Fehler begehen, ihnen die Mitwirkung im Krematorium, in dem Augenblicke, wo das Menschenherz nach Trost lechzt und religiösen Gedanken am zugänglichsten ist, zu untersagen. Und auch die katholische Kirche wird für die Dauer bei ihrem ablehnenden Standpunkt nicht beharren können. Nachdem auch hier zugestanden worden ist, daß ein Dogma der Kirche der Feuerbestattung nicht entgegensteht, wird auch hier allmählich der Volkswille sich durchsetzen. Wenn nur erst die Fälle sich häufen werden, wo auf kirchliche Einsegnung der Leichen verzichtet wurde, um den letzten Wunsch des Verstorbenen erfüllen zu können, dann wird auch die katholische Kirche es sich überlegen, ob es ratsam ist, halsstarrig zu bleiben und sich den Forderungen der Zeit zu verschließen. Aber wie auch immer die anderen Konfessionen zu der Frage sich stellen und in Zukunft sich stellen werden, wir können und dürfen uns schon aus Sorge um die Erhal-