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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 198

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 198 (sequence 6)
Language
German
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198 Ar. K. Münz: Scheinbarer religiöser Indifferrntisnrus sicht, es wäre genug, um die höchste und feurigste Sehnsucht nach einem anders angeschauten Leben zu wecken und immerdar zu erhalten. Denn diese Sehnsucht ist nichts anderes als der grenzenlose und unvertilgbare Wunsch nach Glück. Dieser unvertilgbaren Sehnsucht genügt keine irdische Freude, so groß sie auch sei. Ja, wir bedürfen einer Ergänzung der Wirklichkeit, wir bedürfen der Religion, haben ihrer immer bedurft und werden ihrer immer bedürfen, so lange die Zeit dauert und der Tod nicht gestorben ist. Und nun, wer ist so blind und taub und töricht, zu verkennen, daß zugleich' mit dem lauten Zusammenbruche des religiösen Baues in der Gegenwart der Ruf nach Religion, das Gebet um die Erlösung aus dem Banne des Irdischen gewaltiger denn je erklingt? Nennt man unsere Zeit eine pessimistische? Bat derjenige Philosoph, der am meisten von der Tragik des Zeitlichen erschüttert wurde, hat Arthur Schopenhauer die Gemüter ergriffen? Ist dies so — und versteht ihr nicht den Ruf der Religion nach Wiedergeburt, der zugleich mit ihrem Grabgesang erschallt? Ja, sie, die Ewige, geht wieder in einer ihrer Erscheinungen zu Grabe und sehnt sich, aufs neue und schöner zu erscheinen. Wie wir in diesem sogenannten pessimistischen Zuge unserer Zeit, d. h. in unserem großartig gesteigerten BewußtseindesUnseligenundBinfälligen aller Wirklichkeit ein Element religiöser Erneuerung erkennen, so erblicken wir eine kräftige Stütze dieser Erneuerung im verfalle der religiösen Formen. Die Zeremonie, das Dogma und die Formel, kurz alles, was im Beginne eines religiösen Lebens fast unschädlich ist, den religiösen Organismus entschieden stärkt und dem schwankenden Gefühle derbe Stützen bietet, wird im Laufe der Zeit zu hohlen, marklosen Knochen, zu einem Zerrbild des Lebens. Doch geheiligt durch das Alter und die Furchtsamkeit des Menschen, besteht es länger als der Geist, der ihm einst Wert verliehen, und das Gemüt täuscht sich selbst mit dem nichtigen Scheinbesitz. Die Masse ist sinnlos und dumpf und bückt sich vor dem Vorhang, der einst das Allerheiligste, verdeckt hatte und jetzt nichts mehr verdeckt. Denn aus dem Dasein des Vorhangs schließt sie auf das Dasein dessen, was er verdeckt. Fällt aber einmal der Vorhang und zeigt sich, was hinter ihm gewesen, so entsetzt sie sich vor der Leere und sucht das Allerheiligste, das ihr entschwunden. Darumistesgut,daß der Leib der Religion zerfällt, denn ihr Geist wird nie unter gehen, und nur die Täuschung, alswäre der Leib der Geist, ist benommen. Wer der Religion wohl will, schütze und stütze die Bestrebungen dev religionsgeschichtlichen Kritik. So lange eine Religion auf der Unterwerfung des Verstandes unter das Dogma des Glaubens oder des Gesetzes beruht, ist sie unwirksam und nichtig. BteU und leuchtend steht der reino Kern da, wenn die füllen von ihm gefallen sind. Der abergläubigen physischen Wunder beraubt, flieht das Gemüt zum unvergänglichen Wunder, das nie dio Pfeile der Wissenschaft zu fürchten hat, dem glorreichen Wunder der grundlegenden Einheitsidee des Judentums, die nicht ihres gleiche im Reiche der Ideen hat, — jener Einheitsidee, für welche die Philosophieunserer Zeit das Schlagwort geprägt hat vom „ethischen Monotheismus".

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