Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 197 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. S Münz: Scheinbarer religiöser Indifferentismus 197 Religion und Ethik. Wir brauchen bloß den herrlichen Iesaia aufzuschlagen, wo er uns sagt: „Also verlangt es der Ewige: „Geffnen die schlingen des Frevels, lösen die Bande des Joches und frei entlassen Unterdrückte. Dem hungrigen Dein Brot brechen, daß Du uncherirrende Arme in dein Haus bringest. So du siehest einen Nackten, daß du ihn bedeckest, und deinem Fleische dich nicht entziehest und spendet deine Seele dem hungrigen, und labst du gebeugtes Gemüt, so wird im Finsteren scheinen dein Licht und dein Dunkel wird wie Mittagshelle." Ist diese uralte Mahnung, dieses wunderbare Ideal wahrer Gottes-Erkenntnis nicht heute noch die schönste Auslegung des göttlichen Willens? Rann die moderne Ethik uns etwas schöneres, besseres, erstrebenswerteres bieten? So ist im antiken Judentum in seiner ursprünglichsten Lehre schon der Reim aller modernen Religion, aller modernen Gottesanschauung enthalten. Ja, ich gehe noch weiter, und behaupte, daß die Gottesanschauung der Bibel und der Propheten die Grundlage jeder modernen Ethik ist. Leider ist nur ein sehr kleiner Teil der Juden sich bewußt, wie unsere Gottesanschauung das unübertroffene Vorbild moderner Religion ist, wie wenig unser Judentum es nötig hat, vor der Umwertung so vieler religiöser werte zurückzuweichen. So Wenige haben die Erkenntnis, daß die modernste Gottesanschauung ganz auf dem Boden der religiösen Anschauungen des Judentums steht. Möge diese Erkenntnis sich bei recht Vielen Bahn brechen, dann werden wir Juden wieder voll und ganz im Stande sein, unsere Mission zu erfüllen, die Träger der reinsten Gottesanschauung zu sein und sie unter den Völkern zu Verbreiter!. Scheinbar« religiöser Indifferentismus. Von Dr. B. münz. ir sehen dem immer weitere und größere Rreise ziehenden religiösen Indifferentismus zumeist mit gleichgiltigem Auge zu nnd zeigen dadurch, daß wir Rinder unserer Zeit sind; nicht selten aber überkommt uns bei diesem Anblick ein unheimliches Gefühl; wir ertappen uns selbst auf dem Gedanken, daß wir nur darum gleichgiltig zusehen, weil wir kein Mittel wissen, wie hier zu helfen und umzugestalten sei. Und so oft wir uns wiederholen, daß uns ja nichts fehle, daß wir ja Großartiges nnd Herzerfreuendes genug schauen und vollbringen, so oft wir in lächerlichem Wissenshochmut und glatter Gefühllosigkeit mit Fausts Famulus wiederholen: „wie wirs so herrlich weit gebracht!", so ist uns doch nicht selten, als müßten wir mit dem Dichterfürsten sagen: „Zufrieden bin ich, doch ist mir nicht wohl dabei." Dadurch beweisen wir, daß wir nicht bloß Rinder unserer Zeit sind, sondern auch Männer einer besseren Zeit, Umgestalter unserer eigenen Zeit sein können. Wir können getrost behaupten, daß die allgemeine Antwort auf die Frage, ob unser Gemüt von dem befriedigt werde, was es in der der menschlichen Gattung gemeinsamen Vorstellungswelt, der sogenannten Wirklichkeit erlebt, verneinend ausfallen wird. Gäbe es auch nichts auf Erden, was dieses schmerzliche: „Nein" begründete, als den großen „Musageten der Philosophie", den Tod, oder besser gesagt, die Zeit, gäbe es nichts Schreckliches, als nur das neben jedem blühenden Antlitz starrende hippokratische Ge-