Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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196 Srrrch. Nssrnthal: Aas Judentum im Fichte moderner Weltanschauung Nur Bibelunkundige können sagen, daß die moderne Gottesanschauung erst eine Errungenschaft der Neuzeit sei. Sowie die Humanität und die soziale Fürsorge schon am Sinai verkündet wurden, so wurde auch Gottes Hauch in seiner edelsten Reinheit in Mose lebendig, als er seinem Volke diese herrlichen Worte von dem Göttlichen im Menschen zurief. So hat das moderne Bedürfnis nach Wahrheit und höherer Gottes-Erkenntnis die vereine für ethische Kultur hervorgerufen. Diese Vereine rekrutieren sich speziell aus solchen Kreisen, denen die christliche Gottesverehrung in ihren verschiedenen Glaubensbekenntnissen nicht mehr genügte. Ich wage kühn zu behaupten, daß ein verschwindend kleiner Teil dieser Leute die Gotteslehre, die Ethik des Judentums auch nur annähernd kennt. Kennen doch leider auch eine nur zu große Zahl gebildeter Juden fast nichts von der Lehre des Judentums, von dessen wunderbar erhabener Ethik. Die sogenannte Wissenschaft des Judentums hat ja in dieser Hinsicht schon Vieles gebessert und die Kenntnis der jüdischen Religionslehre und Ethik schon bedeutend gefördert. Diese Kenntnis sollte aber Gemeingut mindestens aller gebildeten Juden sein. Dann wird nicht wie bisher die Religion vielen ein überwundener Standpunkt sein, sondern die Quelle des Edelsten, was der Mensch besitzt, die Quelle reinster Gotteserkenntnis. Und hiermit habe ich den Finger auf eine Wunde gelegt, an der Viele kranken. Diese Krankheit ist die Unkenntnis der heiligen Lehre, der wunderbaren Ethik, die in den 5 Büchern Moses und in den Büchern der Propheten niedergelegt ist. Wir Juden kennen die Geschichte und die Religion der Perser, der Egyxter, Griechen und Römer, wir kennen genau die Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes, seine geistigen und religiösen Kämpfe. wie viele von uns kennen aber die Geschichte des jüdischen Volkes, seine Gottesanschauung, seinen Entwicklungsgang im Laufe der Jahrtausende, seine erhabene Ethik? In keinem jüdischen Hause dürfte die Bibel fehlen, jede jüdische Familie sollte in ihrem Bücherschrank eine Geschichte des Judentums besitzen und nicht bloß eine äußerliche Zierde des Bücherschrankes sollen diese Bücher bilden, von diesen Büchern gilt auch, was Lessing von den Dichtern sagt, „wir wollen weniger bewundert, doch reichlicher gelesen sein." Und dennoch will es Frühling werden. Ls ist schon besser geworden im jüdischen Geistesleben, im jüdischen religiösen Empfinden. Es ist, in Deutschland wenigstens, jetzt schon eine starke Strömung vorhanden, die Kenntnis der jüdischen Gottesanschauung, die Kenntnis jüdischer Geschichte unter den Juden mehr zu verbreiten. Aus der Tatsache der Begründung unserer Vereinigung, unserer Logen und alleranderen Institutionen dieser Art läßt sich folgern, daß in der deutschen Iudenheit der wünsch vorhanden ist, das Judentum zu erhalten, nicht nur als kulturelle Erscheinung, sondern auch als religiöse Anschauung. Das rein kulturell wissenschaftliche Interesse allein ist es gewiß nicht, das Männer von verschiedener religiöser Anschauung zusammenführt, um bei den Juden die Kenntnis des Judentums zu fördern. Nein, es ist die Erkenntnis, daß das Judentum mit seiner Gottesanschauung die reinste Quelle aller Humanität, aller sozialen Fürsorge ist, die in uns Juden auf's neue die Begeisterung für die Ideale des Judentums weckt, die uns veranlaßt, uns wieder von neuem in seine Geschichte zu vertiefen. Im jüdischen s)roxhetismus ist eine reinere Gottesanschauung zum Ausdruck ge- .. bracht, als in vielen späteren Schriften über