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Liberales Judentum · 1911-09-01 · Heft 9 (September 1911) · p. Seite 195

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 9 (September 1911)
Date
1911-09-01
Page
Seite 195 (sequence 3)
Language
German
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Serrch. Nofrnthal: Mas Judentum im Fichte moderner Weltanschauung 195 Ein Volk von Priestern sollen wir sein, ist uns gesagt worden. Das soll unser Ideal sein, dem höchsten nachstreben, auf den Schultern dahingegangener Generationen, auf ihren Errungenschaften fußen, und weiter bauen an dem Bau der Menschheit für die, die nach uns kommen. Dies soll unsere Unsterblichkeit sein, in unseren nachfolgenden Generationen, in unseren Kindern sollen wir weiterleben. Daß dieser geistige Ausblick für uns schwache Menschen für den ersten Moment etwas Beängstigendes hat, wer wollte das leugnen? Ist es doch so schwer für uns, zu denken, daß mit dem Tode unsere Individualität ihr körperliches Ende erreicht hat. Nicht so verhält es sich mit den geistigen Kräften, die in uns rege waren. Sowie in physischer Beziehung das Gesetz von der Erhaltung der Kraft gilt, so erhalten sich auch in geistiger Hinsicht die Seelenvorgänge des Individuums in denjenigen Menschen, die nach uns kommen. Auch psychisch geht keine Geistesregung verloren. Es ist ein ewiges weiterleben des Geistes, nur in verschiedenen Hüllen. Und in diesem Sinne sind wir unsterblich, wie das Leben selbst unsterblich ist. wenn wir uns an diesen Gedanken gewöhnen, dann verliert der Gedanke an den Tod, an die Vernichtung des Körpers, viel, wenn nicht alles von seinem Schrecken. Unser Gemüt an diesen Gedanken zu gewöhnen, das ist die einzig mögliche Art, die Todesfurcht, das Grauen vor der Vernichtung zu überwinden. Ueberwindung und einen harten Kampf kostet es freilich, dem Menschen kommt es gar sauer an, derart die Schranken seines eigenen Selbst zu durchbrechen, es zum All zu erweitern, zum wahren Sein zu vertiefen. Aber in dieser Ueberwindung besteht eben die moderne Gottesanschauung/ sie ist das überwältigende Gefühl der Unendlichkeit des Lebens, in dem der Einzelne, den göttlichen Hauch ahnend, in das Allgöttliche versinkt. Dieses Gefühl ist der Urquell der wahren Frömmigkeit, ein Gefühl, das schon in den ältesten Völkern rege war, sie zu religiösem Kultus antrieb und das auserwählte Volk der Religion zur reinsten Gottesverehrnng heranbüdete. Denn die Juden waren das erste Volk, das den Allmächtigen als Unsichtbaren und körperlosen Gott verehrte. Die jüdische Gottesanschauung ist deshalb trotz ihrer uralten Lehre die modernste, das will heißen, die ethisch reinste Anschauung von dem Göttlichen. wir brauchen bloß das fünfte Buch Mose aufzuschlagen. Da ist in kurzen herrlichen Worten die Quintessenz der modernen Ethik niedergelegt. „Das Gebot, das ich Dir heute gebiete, ist Dir nicht verborgen, und ist nicht fern. Es ist nicht im Himmel, daß Du sagest: wer steigt für uns in den Himmel hinan, und holt es uns, und macht es uns kund, daß wir es tun. Und es ist nicht jenseits des Meeres, daß Du sagest: wer reist für uns jenseits des Meeres und holt es uns und macht es uns kund. Sondern sehr nahe ist Dir die Sache, in Deinem Munde und Deinem Herzen, es zu tun." Modern ausgedrückt hat dies der große Shakespeare in den Worten: „sei Dir selbst nur treu und daraus folgt sowie die Nacht dem Tage, Du. kannst nicht falsch sein gegen irgend wen." Dieses Selbst, das ist eben das Göttliche in uns, der Hauch 'Gottes, von dem das Deuteronomium "sagt, daß es in unserem Herzen wohne.

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