Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 9 (September 1911)
- Date
- 1911-09-01
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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194 Serrch. Rssenthal: Aas Judentum rm Fichte moderner Wettanschouung Das Judentum im Odite moderner Weltanfdiauung. Von Bernhard Rofenthal-frankfurt a. Hl. s hat eine Zeit gegeben, in der viele glaubten, die Religion sei ein überwundener Standpunkt, vor noch nicht ferner Zeit war die Religion ein Thema, über das man sich in vielen Kreisen scheute, zu sprechen, oder wenn man darüber sprach, so geschah dies meistens vom sogenannten rationalistischen Standpunkt aus. Sowie das überfeinerte, überbildete Griechentum die Götter aus seinem , Gedankenkreis entfernte, so hatte es bis vor kurzem noch den Anschein, als ob die moderne Kultur das Göttliche überhaupt entbehren könne, weil so viele ihrer Träger es entbehren wollten. Und jetzt sehen wir, daß der in den Menschen wohnende Drang nach dem Göttlichen überall wieder kräftigzum Durchbruch kommt. Gb nun dieses Empfinden die überlieferten j)fade der Gottesverehrung einschlägt, oder sich neue Wege sucht, kommt vorerst nicht in Betracht. Es führen ja viele Wege zum Göttlichen. Und dieses Streben zu Gott ist schon der weg zu ihm. So hat sich das Menschenherz zu allen Zeiten nach Glück, Ruhe und innerem Frieden gesehnt und aus diesem Bedürfnis heraus bei Gott in der uralten Gottesidee Zuflucht gefunden. Aber die Neuzeit hat es diesem Gedanken des Ausruhens bei Gott, diesem Ruhebedürfnis beschaulicher Gemüter, sehr schwer, wenn nicht unmöglich gemacht, sich in die Wirklichkeit umsetzen zu können. Das Zeitalter des beschaulichen Mönchtums ist schon lange vorüber, die Zdee, daß wer auf dieser Welt viel entbehrt, im Fimmel reichlich dafür entschädigt werde, dieser Fundamentalsatz christlich-religiöser Anschauung ist in's Wanken gekommen. Das Leben fordert unsere ganze Kraft, den vollen Einsatz unserer geistigen Fähigkeiten, wir Modernen kennen nur das große rastlose Streben, das die Ruhe nie verlangt, wir suchen unsere Glückseligkeit in der Erfüllung unserer Pflichten auf Erden, in der Befolgung der uns von Gott für unser Leben auf dieser Erde gegebenen Sittengesetze, im rastlosen Bemühen, den Fortschritt und die Kultur zu vermehren. Das ist unsere Mission, in deren getreuer Erfüllung wir die innere Befriedigung finden müssen. wenn das Thriftentum durch seinen Stifter den Satz ausspricht, „selig sind die geistig armen, denn ihnen ist das Himmelrei" und dein Menschen als Ersatz für freiwillige oder unfreiwillige Entbehrungen das Jenseits in den schönsten Farben ausmalt, so hat es dadurch wohl bei densogenannten geistig Armen eine gewisse Zufriedenheit bewirkt, eine fatalistische Ergebung in alles Ungemach, die aber der Feind jedes kulturellen Fortschrittes ist. Bei den geistig höher Stehenden aber sind diese Lehren in ihren letzten Konsequenzen die Ursache gewesen, daß sie der Religion gleichgültig, wenn nicht feindlich gegenüberstehen. wenn wir aber zu dem Urquell der christlichen Religion, zum Judentum und seiner ursprünglichen Lehre, der Thora, zurückkehren, so sehen wir, daß in unserer Lehre der Hinweis auf das Jenseits, die dereinstige Belohnung im Himmelreich an keiner Stelle zu finden ist. wir sollen die gegebenen Gesetze befolgen, damit es uns auf Erden wohlergehe. Nicht die Erwartung himmlischer Wonnen soll uns zur Befolgung der Sittengesetze anspornen, wir sollen das Gute tun, um des Guten willen. Auf dieser Erde sollen wir uns häuslich einrichten und nach den Sittengesetzen leben.