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Liberales Judentum · 1911-08-01 · Heft 8 (August 1911) · p. Seite 189

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 8 (August 1911)
Date
1911-08-01
Page
Seite 189 (sequence 21)
Language
German
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o o o o 189 Ar. Ginstern: Aer Fall Jatha Gäbe es eine jüdische religiöse Oberbehörde, sie könnte kaüm anders entscheiden, als es im Fall Iatho geschehen, wäre die Behörde, was man so nennt, orthodox, sie m ü ß t e den „Ketzer" mit dem Banne belegen. Auch ohne daß wir eine Dberbehörde haben, wird ja schon jeder', der gegen die offiziellen orthodoxen Anschauungen sich zu erheben wagt, als „außerhalb der Kirche stehend" erklärt und verfolgt. Hüne tu Romane caveto! Aber auch von einer liberalen Behörde wäre die Verurteilung des Theologen, der gegen die nun einmal als „offiziell" geltende religiöse Anschauung zu reden und zu handeln sich erkühnt, sicher zu erwarten. Und diese Entscheidung dürfte sogar bei der Mehrheit der liberalen Iudenheit auf Zustimmung rechnen. Denn es muß — so hart es klingen mag — leider noch immer als die Eigenart des Liberalismus bezeichnet werden, daß ihm der Mut seiner U e b e r z e u - gung fehlt. Als man'in Baden für die liberale Mehrheit der Juden ein Gebetbuch schaffen wollte, das niemandem aUf - gedrängt w e rd e n sollte, das nur den liberalen die Möglichkeit bieten sollte, in einer ihren Anschauungen und Bedürfnissen mehr entsprechenden weise ihren religiösen Gesinnungen Ausdruck zu verleihen, da haben die liberalen den wohlgemeinten versuch zu nichte gemacht. Denn von der gegnerischen Seite wurde mit einem Eifer und einer Gewalt behauptet und verbreitet, daß der Bestand des Judentums in Gefahr sei, wenn man auch nur die Zulässigkeit dieses Gebetbuchs ausspräche — daß die Liberalen lieber auf das Gebetbuch verzichteten. Und so wäre es bei einem Fall Iatho von liberaler Seite auch geschehen, daß die liberale Behörde einen liberalen Geistlichen preisgegeben hätte, nur um bei den Orthodoxen nicht anzüstoßen, .bei denselben Orthodoxen, die jede Gemeinschaft mit den Liberalen weit von sich weisen und am liebsten dem Liberalismus im Judentum das Judentum absprechen möchten. Und daß die jüdischen Liberalen sich so begeistert und so opferwillig um ihren gemaßregelten geistlichen Führer geschart hätten, wie die Genwinde und die Freunde Iathos es . getan, das halte ich für ganz ausgeschlossen. Ich . mag mich irren. Ich wäre froh, wenn ich mich irren würde. Aber das Verhalten der jüdischen Liberalen gegenüber der durch die liberale Vereinigung angeregten religiösen Bewegung scheint meiner Auffassung Recht zu geben, welche Erfolge praktischer Art hat die liberale Vereinigung bisher aufzuweisen? Sind wir schon über theoretische Auseinandersetzungen weit hinausgekommen? Noch nicht einmal volle Klarheit herrscht über das, was die liberale Vereinigung will. „Sie will das Judentum und die „Iüdischkeit" abschaffen" — so hört man sagen und dem liberalen Juden graustes ... gerade dem liberalen Juden, der „immer noch Jude zu sein" mit Stolz von sich behauptet, trotzdem auch er selbst das vom Judentum „nicht mehr hält", was die liberale Vereinigung bei Leibe n ich tabschaffen will, sondern nur nicht für das wichtigste am Iudentum gelten läßt. Die liberale Vereinigung will gar nicht a b s ch a f f e n. Aber es ist eine zu ihrer Bekämpfung vortrefflich erfundene Fabel, daß sie abschaffen wolle. Auch der freigesinnteste Jude will das Judentum nicht abschaffen lassen. Und da hat er ganz Recht. Wir von der liberalen Vereinigung wollen das auch nicht, wir wollen auch das Judentum nicht abschaffen, wir wollen es im Gegenteil befestigen u n d st ä r k e n, ihm neue Kräfte zuführen dadurch, daß wir diejenigen, die nur noch lose mit ihm Zusammenhängen, aufs neue fest an den angestammten Glauben zu ketten suchen. Es ist ganz gewiß noch keinem Vertreter des liberalen Judentums eingefallen, rundweg zu erklären: „Diesen und jenen euch heiligen Brauch d ü r f'e t ihr nicht mehr üben"; es ist ganz gewiß noch keinem Vertreter des liberalen Judentums eingefallen, denjenigen Glaubensgenossen, der in der althergebrachten weise sein Judentum betätigen will, daran zu hindern oder ihn deshalb nicht für voll zu nehmen. Aber das liberale Judentum will auch nicht zugeben, daß denjenigen, die — ganz gleichgültig aus welchen Gründen — von einem Teil der alten Formen sich losgesagt haben, ohne deshalb auf ihr Judentum verzichten zu wollen — daß diesen die Zugehörigkeit zum Judentum abgesprochen werde, daß sie aus dem Judentum ausgestoßen werden.

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