Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 188 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Ar. Ginstern: Der Fall Jatho unter der Masse des buntscheckig zusammengehäuften Stoffes kann das Empfinden und Erfassen des hohen Wertes jener perlen unserer Liturgie nicht in der erwünschten Meise gefördert werden. So wirken die Schäden unserer Massengebete auch auf die Religionsschulen schädigend zurück, sodaß auch im Interesse einer Vertiefung des Iugendunterrichts, im Interesse einer schärferen Betonung und verständnisvollen Einprägung derjenigen Gebete, welche für Israels Religion charakteristisch sind, und an denen unsere Auffassung des Verhältnisses des Menschen zu Gott am schärfsten empfunden und erkannt wird, eine schleunige und allgemein zu treffende Auswahl und Kürzung unserer Gebetbücher dringend notwendig erscheint. Diese um der Hebung und Vertiefung der religiösen Andacht in den israelitischen Gotteshäusern willen, wie im Interesse des bei der Heranwachsenden Jugend in der Religionsschule zu weckenden Verständnisses für das Judentum, dringend erscheinende Forderung einer Kürzung unserer Gebetbücher, einer zweckentsprechend zu treffenden Auswahl der beizubehaltenden Gebetsstücke, insbesondere auch einer Beseitigung der störend wirkenden und ermüdenden Wiederholungen, richtet sich natürlich in erster Reihe an die große Zahl derjenigen Gemeinden, in welcher noch die althergebrachten Gebetbücher — Siddur wie Machsor — in unveränderter Gestalt der Gebetordnung zu Grunde gelegt sind. Aber auch an die veränderten Andachtsbücher der fortgeschrittenen Gemeinden muß vielfach noch eine bessernde Hand gelegt werden. Erscheint in ihnen — neben manchen treffenden Aenderungen — manches nicht mit Recht und nicht folgerichtig geändert und gekürzt, so ist andererseits mancherlei beibehalten, was, nicht zum Schaden der Andacht, beseitigt werden könnte. Die Ausschaltung des Kol-Nidre-Textes am Abend des versöhnungsfestes und die Ersetzung desselben durch einen tiefreligiöses Empfinden weckenden j)salmgesang, sowie die Reduktion des langen alphabetischen Registers des Sündenbekenntnisses auf einige wenige Sätze sind durchaus zu billigen und zur allgemeinen Nachachtung zu empfehlen. Mb es aber notwendig ist, daß dieses, wenn auch gekürzte, Sündenbekenntnis' im Verlaufe des Versähnungsfestes acht- bis zehnmal wiederholt werde, ist zum mindesten zweifelhaft. Aus den Selichot am versöhnungstage wäre noch mancherlei zu beseitigen, darunter auch die immer noch zu häufige Wiederholung des El Melech Ioscheb, die ermüdend wirken muß. Diese wenigen Beispiele mögen für heute genügen. Uns war es in der vorliegenden Abhandlung hauptsächlich darum zu tun, die allgemeinen Grundsätze darzulegen, nach denen die dringend nötige Kürzung unserer Andachtsbücher und die Auswahl der Gebete in Zukunft zu vollziehen sei. Eine ins einzelne gehende Sichtung des beizubehaltenden und des auszuscheidenden Stoffes muß einer späteren Betrachtung Vorbehalten bleiben. Oer fall Jatho. \7on Dr. einftein-Candau (Pfalz). eht der Fall Jatho uns Juden etwas an? Hat er für uns mehr Interesse, als so viele andere Ereignisse, von denen wir in den Tagesblättern lesen und die wir mit gebührender Aufmerksamkeit verfolgen? Ich glaube kaum. Und doch erscheint er mir wert, daß wir an ihn eine Betrachtung anknüpfen. Es wäre gar zu verlockend, die Frage zu erwägen, wie sich wohl die jüdischen Kreise verhalten würden, wenn in ihrer Mitte ein Fall Jatho entstünde.