Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 187 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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O 0 o o . Br. Hsrsrvitz: Unsere Gebete 187 lustes, den unsere Väter dereinst durch Zerstörung des Tempels und durch Hinwegführung aus ihrem Lande erlitten, andererseits bringt sie die weltgeschichtliche Aufgabe Israels in der Diaspora, seine Aufgabe, die Gottesidee und das Sittengesetz zum Gemeingute der ganzen Menschheit zu machen, in markanter weise zum Ausdruck, von dieser mit tiefem Verständnis der geschichtlichen Entwickelung Israels und seiner Mission getroffenen Aenderung wäre zu wünschen, daß sie bald in allen unseren Gemeinden und Gebetordnungen Berücksichtigung und Aufnahme fände. Ebenso verdient die Kürzung des „Rezeh - Gebetes" und die Aufnahme der als Schlußpassus desselben dienenden, sonst nur beim Priestersegen üblichen Worte: „Gepriesen seist Du, Ewiger, dem allein wir in Ehrfurcht dienen" unbedingte Anerkennung und Nacheiferung. Wenn wir uns nun von den Sabbat- Gebeten und denen der drei historischen Feste zw den Gebeten der hohen Festtage wenden, so tritt uns zuerst das dem Neujahrs- und Versöhnungsfeste gemeinsame Hauptstück entgegen, welches an Erhabenheit der Auffassung des göttlichen Wesens, an Zuversicht und Hoffnung auf die dereinst zu begründende Herrschaft der Gerechtigkeit auf Erden kaum übertroffen werden kann. „wenn die Ehrfurcht und Anbetung des einen Gottes alle seine Werke und Geschöpfe ergreifen und durchdringen wird, wenn sie alle zu einem Bunde sich vereinigen, um den Willen des Ewigen mit ganzem aufrichtigem Herzen zu erfüllen, dann werden die Gerechten sich freuen, die Redlichen und Frommen frohlocken,* denn das Laster und die Bosheit werden wie Rauch dahinschwinden, und die Herrschaft des Frevels wird von der Erde getilgt werden; dann wird der Herr allein über alle seine Werke regieren, Er, der Heilige, dessen Erhabenheit hervorleuchtet im Gericht, und der geheiligt wird durch Gerechtigkeit." Wahrlich! dieses Gebetstück allein, sollte man meinen, muß genügen, um jeden, gleichviel, ob er will oder nicht, davon zu überzeugen, daß der Gottesgedanke Israels ein universalistischer ist, daß die von Israel erhoffte messianische Zukunft keine bloß nationale, sondern, getreu der Idee seiner Propheten, eine alle Völker der Erde, in einheitlichem Bunde umfassende ist. wie sein Gott der das All umfassende und lenkende Geist und Gedanke ist, so ist das von Israel herbeigesehnte Gottesreich auf Erden der in Liebe, Frieden und Gerechtigkeit geschlossene und durch sie zusammengehaltene Bund der ganzen Menschheit. welch eine hohe, lohnende Aufgabe erwüchse unseren Religionslehrern, wenn sieden Gehalt und die Tiefe eines solchen Gebetsstückes der Jugend, aus der dereinst die selbständigen Mitglieder und Vertreter unserer Religionsgemeinschaft hervorgehen sollen, eingehend und erschöpfend erklären und die triebkräftigen Keime desselben ihr in das Herz pflanzen könnten! So wie die Dinge bis jetzt in den meisten Gemeinden liegen,, können die Lehrer, inögen sie noch so tüchtig und für ihre hohe Aufgabe noch so begeistert sein, dies nicht zu Wege bringen, weil der fremdsprachliche Gebetsstoff, den sie in den wenigen Schulstunden zu bewältigen haben, ein viel zu umfangreicher ist, weil sie, so lange in den meisten Synagogen der ganze Siddur heruntergebetet wird, sich für verpflichtet halten oder von anderen verpflichtet werden, möglichst auch den ganzen Siddur auch mit der Schuljugend durchzuarbeiten, damit diese in der gangbaren Liturgie bewandert sei. So geht die Zeit, die dem Uebersetzen und Lernen vieler für die religiöse Gemütsbildung wertlosen, bisweilen auch schädlichen Stücke gewidmet wird, für eine eingehende Erklärung und tiefere Durchdringung jener an religiösem wert unschätzbaren partieen unserer Gebete verloren, und