Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 186 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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186 Ir. Ssrswih: Unsere Gebete liche auszum erzen. von den erhebenden, für alle Zeit wert behaltenden Gebetsstücken der wochentäglichen Liturgie ist schon oben die Rede gewesen. Ihnen reiht sich aus den für den Sabbat bestimmten Gebeten ein Stück wie: „Es freut sich Mose des ihm gewordenen Berufes, denn einen treuen Diener hast du ihn genannt" usw. würdig an. welcher Sinn soll aber mit Gebetsstücken verbunden werden, wie dem von den Dphanim, Seraphim und den heiligen Tieren, die ihrem Tharakter nach mystisch sind und neben den sonst so klaren und verständlichen Gebeten der Israeliten einen fremdartigen Gindruck machen? Wie sollen ferner die meisten Stücke des Sabbat-Mussaph-Gebetes, die die Wiederherstellung des Gpferkultus zu ihrem Gegenstände haben, Andacht zu erwecken und religiöse Empfindungen anzuregen imstande sein? Bei den Gebeten für die drei, historischen Erinnerungen geweihten Feste, das j?assah-, Wochen- und Laubhüttenfest, ist um das Stück: „Du hast uns von allen Völkern erkoren" viel gestritten worden, und es ist in einigen Umarbeitungen des Gebetbuches der neueren Zeit abgeändert worden. Abgesehen davon, daß die getroffenen Aenderungen vielfach an Inkonsequenz leiden — in dem Gebetbuche für die neue Synagoge in Berlin sind in der Schemoneh- Esrah für die Festtage die Worte: „Du hast uns erkoren" beibehalten, die dazu gehörigen Worte aber „aus allen Völkern" beseitigt worden, während bei dem Spruch des zur Thorah Gerufenen der Wortlaut „Du hast uns aus allen Völkern auserkoren" unverändert geblieben ist — abgesehen von der in solchen Blenderungen liegenden Inkonsequenz, will es uns scheinen, daß dieses „die Erwählung Israels" zum Ausdruck bringende Gebetsstück einer Aenderung garnicht bedarf, weil, wer den Satz in seinem Zusammenhänge, nicht bloß äußerlich und oberflächlich auffaßt, in ihm weder Selbstanpreisung noch nationalen Dünkel oder Ueberhebung ausgesprochen finden kann. Die Erwählung Israels zum Künder und Verbreiter des Gedankens der Gotteinheit und des Sittengesetzes ist selbst für unsere gehässigsten' Gegner eine unbestreitbare geschichtliche Tatsache, ebenso unbestreitbar und ebenso wahr, wie die Erwählung des alten bsellenenvolkes zum Schöpfer der Kunst und des philosophischen Denkens, wie die des römischen Volkes zum Begründer des systematischen historischen Rechts und des Staatsgedankens, warum also etwas aus der Liturgie streichen, was, richtig verstanden — und für das richtige Verständnis hat hier, wie auch sonst vielfach, teils der Religionsunterricht, teils die predigt zu sorgen — die spezifische geschichtliche Aufgabe und Mission Israels klar zum Ausdruck bringt, worin „die Erwählung Israels und seine Erhebung über alle Völker" mit der „Heiligung durch sittliche Gebote" begründet wird? In solchem Zusammenhänge ist der Begriff der „Erwählung" ebenso berechtigt und unbedenklich, wie es andererseits bedenklich erscheinen muß, wenn im Minchah--Gebet für Sabbat von dem „unvergleichlichen Israel als dem einzigen Volke auf Erden" gesprochen wird. An dieser Stelle wirkt die hyperbolische Selbstanpreisung störend, und die Anreihung des „einzigen Volkes" an den „einzigen Gott" kann in der Tat den Eindruck der Anmaßung und Ueberhebung machen. während uns die Kürzung und infolge davon auch die Verdunkelung des die „Erwählung Israels" betreffenden Festgebetabschnittes in dem Gebetbuche für die neue Synagoge in Berlin überflüssig und nicht zutreffend erscheint, können wir der Aenderung des folgenden, das Musaxh - Gebet einleitenden Abschnittes in demselben Gebetbuche unsere unbedingte Zustimmung aussprechen. Diese Aenderung trägt der Vergangenheit und der Gegenwart in gleicher weise Rechnung; sie würdigt einerseits die Schwere des Ver-