Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 185 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126521--0908-3127728- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
185 Ar. Horowrtz: Unsere Gebete tage uns vorgeführten Darstellung der Sühnefunktionen des Hohenpriesters, der Schilderung, 'wie beim Aussprechen des heiligen Gottesnamens Iehovah durch denselben, alle — Priester und Laien — in die Krttee sanken, mit Interesse und pietätvoller Teilnahme folgen. Allein etwas anderes ist es, einer großen Vergangenheit mit Liebe und Anhänglichkeit sich erinnern, etwas anderes, um die Wiederherstellung dieser Vergangenheit mit allen ihren für unsere Gesittung und unseren Geschmack überlebten und unmöglichen Formen beten. Jenes können wir nicht nur, wir sollen es auch, wenn wir des Ausgangspunktes unserer Religion eingedenk bleiben wollen, dieses dürfen wir nicht, wenn wir bei dem heiligsten und weihevollsten Anlaß, bei dem unsere Lippen sich regen, aufrichtig und wahrhaft sein wollen. Sind solche Gebete aus dem angeführten Grunde unreligiös, .weil sie unserem religiösen Fühlen und Denken nicht mehr entsprechen, so beeinträchtigen sie, gewohnheitsmäßig und mechanisch hergesagt, als störender Ballast auch diejenigen Teile der Liturgie, die einen getreuen Ausdruck religiösen Empfindens, aufrichtigen wünschens und Höffens bilden, wenn überall Unverstandenes und Nichtemxfundenes eher zur Verarmung als zur Bereicherung der Seele und des Geistes beiträgt, so ist dies nirgends in dem Maße der Lall wie beim Gebet, weil dessen Quelle — die religiöse Gemütsstimmung — dadurch verstopft wird, und an ihre Stelle Ernüchterung tritt und das Vorwalten alltäglicher Gedanken und Empfindungen. wirkt dies schon auf die Seele ^>es Erwachsenen abstumpfend, so ist bei der Heranwachsenden Jugend, die zur Betätigung religiösen Denkens und Empfindens erzogen, in ihr geschult werden soll, die Gefahr vorhanden, daß sie durch jene nicht empfundenen Gebete von aller religiösen Andacht abgeschreckt, daß ihr durch jene der Geschmack auch an den der religiös empfindenden Seele entströmenden und religiöse Gesinnung weckenden Gebeten verdorben wird. „Das Alter wägt und mißt es, die Jugend spricht: So ist es." Die Jugend ist, ihrer rasch und voreilig urteilenden Natur nach, gar zu leicht geneigt, das Rind mit dem Bade auszuschütten, zugleich mit dem ihr Widerstrebenden auch das wertvolle von sich zu weisen und so dem religiösen Empfinden, Denken und Leben sich zu entfremden. Wollten alle, denen es um die Zukunft und die Erhaltung unserer Religion Ernst ist, auch bei dieser bedeutsamen brennenden Frage einer prüfenden Revision unseres Gebetbuches, nicht in erster Reihe an sich und die ihnen liebgewordenen althergebrachten Gewohnheiten, sondern an die fürs religiöse Leben zu gewinnende Jugend denken, in welcher allein die Bürgschaft für den Fortbestand des Judentums liegt, dann würden auch die am meisten Rechtsstehenden unter uns, wenn auch zunächst und für ihre Person etwas schweren Herzens, in eine nach den oben angedeuteten Grundsätzen zu treffende Auswahl und Kürzung unseres Andachtsbuches willigen. Es nützt nichts, daß eine verschwindend kleine Anzahl von Gemeinden bereits eine nach diesen oder ähnlichen Gesichtspunkten gekürzte und ausgewählte Liturgie hat. Sie muß allgemein erstrebt und eingeführt werden, wenn die Macht des Gebetes, das in weiten Kreisen der Israeliten unserer Zeit die einzige übriggebliebene Form der religiösen Betätigung bildet, besonders an den Seelen der Jugend sich bewähren soll. Und welch große Zahl seelenerhebender und Andacht weckender Gebete bleibt uns in ihrer Reinheit und erhöhten Wirkungsfähigkeit, wenn wir uns entschließen, die für unser Denken und Empfinden nicht mehr passenden Dpfergebete und andere, teils unserer Gesittung nicht mehr entsprechende, teils ihrem ganzen Inhalte nach banale, zum Teil auch unverstandene und unverständ-