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Liberales Judentum · 1911-08-01 · Heft 8 (August 1911) · p. Seite 184

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 8 (August 1911)
Date
1911-08-01
Page
Seite 184 (sequence 16)
Language
German
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18t O O Ar. Sorowitz: Unsere Gebete von Ewigkeit zu Ewigkeit schöpferischen Kraft des All- und Weltengeistes und vor seiner unergründlichen Weisheit wie ein Hauch dahinfährt und verschwindet. R7an denke ferner an die dem Hauptschema des Rkorgengebetes vorangehenden Worte: „Vater des Erbarmens! Flöße unserem Herzen die Fähigkeit ein, zu verstehen und zu begreifen, zu hören, zu lernen und zu lehren und mit Liebe alle Worte Deiner Lehre zu beobachten, zu befolgen und festzuhalten. Erleuchte unsere Augen durch Deine Lehre, einige unsere Kerzen, daß wir Deinen Namen lieben und ehrfürchten." Und das tägliche Hauptgebet der Israeliten — das Achtzehngebet — wie köstliche und erhebende Sätze sind in ihm enthalten! Der Gebets- und Segensspruch: „Du begnadest den Erdensohn mit Erkenntnis und lehrst den Rlenschen Einsicht. Begnade uns aus Deinem unendlichen Weisheitsborne mit Erkenntnis, Einsicht und Verständnis. Gelobt seift Du, Ewiger, der Du mit Erkenntnis begnadest," hat in keinem Andachts- und Gebetbuch irgend einer anderen Religionsgemeinschaft seinesgleichen aufzuweisen und ist in hohem Grade bezeichnend für Israels Religionsauffassung, für seine Auffassung des Verhältnisses des endlichen Vernunftwesens zu seinem ewigen Urbilde. Nicht um blinden Glauben betet der Israelit, nicht in ihm verspürt er das Walten der göttlichen Gnade. Er betet vielmehr um Erleuchtung, um Erkenntnis, Einsicht und Wissen. Wenn ihm diese edlen Güter Zuströmen, verspürt, erfährt er das gnadenreiche. Walten der das All beherrschenden und leitenden göttlichen Weisheit. Und wie er in Gott den Geber von Einsicht und Erkenntnis erkennt und anbetet, so erhebt er sein Auge und betet zu ihm als dem Urquell von Recht und Gerechtigkeit, so erfleht er von ihm, der die Quelle und der Born des Friedens ist, die Gnade und den Segen des Friedens. Das sind Gebete, welche, richtig verstanden und in ihrer ganzen Tiefe erfaßt, zu jeder Zeit Andacht zu erwecken und das religiös veranlagte Gemüt zu befriedigen imstande sind; die das Herz der Heranwachsenden Jugend, auf welcher der Bestand und die Zukunft des Judentums ruht, entflammen und ihr die unserer Religion eigentümliche Auffassung von Gott und dem Verhältnis des Menschen zu ihm zum Bewußtsein bringen können. Wie aber nehmen sich diesen Gebeten gegenüber solche aus, in denen die Wiederherstellung des rein nationalen Kultus, die Wiedereinsetzung von Tier- und Schlachtopfern erbeten wird! Diese sind, das darf man wohl getrost aussprechen, und kein noch so orthodoxer Mann, wenn er sich ehrlich prüft, wird dagegen Widerspruch erheben, durchaus nicht der Ausdruck eines in der Seele tiefbegründeten Wunsches, einer wahrhaft empfundenen Hoffnung und Sehnsucht. Kein Israelit eines zivilisierten westeuropäischen Landes kann in seinem Herzen eine Zeit herbeisehnen, wo er Gott durch Darbringung eines Tieropfers Dienst und Verehrung erweifen wird. Entsprechen aber solche Gebete nicht dem inneren Wünschen und Hoffen, sind sie kein wahrhafter Ausdruck des seelischen Empfindens und der Herzenssehnsucht, dann dürfen sie, mag die Rkacht der Gewohnheit, die auf ihre Beibehaltung dringt, noch so groß sein, als Gebete nicht beibehalten werden. Alle Achtung vor der pietätvollen. Erinnerung an Zion und Jerusalem, von wo die Lehre und das Wort Gottes ausgegangen! Ihrer dürfen wir nie und nimmer vergessen, wollen wir unserer Religion und ihrer großen geschichtlichen Vergangenheit nicht die schuldige Treue und Anhänglichkeit versagen. Daher behalten für uns die Vorlesungen aus der Thorah, die die Beschreibung des ehemals herrschenden Gpferkultus zu ihrem Gegenstände haben, immer noch einen gewissen historischen Wert; daher können wir auch der am versöhnnngs-

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