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Liberales Judentum · 1911-08-01 · Heft 8 (August 1911) · p. Seite 183

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 8 (August 1911)
Date
1911-08-01
Page
Seite 183 (sequence 15)
Language
German
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o o o o 183 Ar. Hororvitz: Unsere Gebete Tages beziehungsweise einen ganzen Tag ausfüllenden Andacht für die Erhaltung der angeregten religiös - sittlichen Empfindungen und Gedanken als ein gesicherter erscheinen. Die Sache verhält sich jedoch anders, und zwar aus doppeltem Grunde. Erstens ist das physische Gesetz von der Massenwirkung auf das Seelenleben und seine Kräfte nicht schlechthin anwendbar, weil diese mehr durch die Art und Qualität der empfangenen Eindrücke als durch die bloße Quantität und Masse derselben entscheidend beeinflußt werden. Zweitens werden aber auch die an religiös-ethischer Kraft und Wirkungsfähigkeit mehrwertigen Gebete durch die große Masse der minderwertigen in ihrem Einfluß auf Seele und Gemüt gar zu leicht und häufig ' beeinträchtigt. Auf das Bessere und Tiefempfundene drückt ein schwerer Ballast von teils Unverstandenem, teils Banalem und Trockenen:, welches die durch jenes angefachte Flamme, kaum daß sie aufgelodert, zu ersticken droht. Es gilt daher, wie für jede, sei es durch Belehrung, sei es durch Ermahnung und Erbauung sich vollziehende Einwirkung cuf das menschliche Gemüt, so insbesondere für die Wirkung durch das Gebet jenes bekannte Wort: Non multa, sed raultum. Gerade hier — beim Gebet — ist es unerläßlich, mit psychologischem Verständnis eine richtige Auswahl zu treffen, der menschlichen Seele nicht mehr zuzumuten, als sie, ohne müde und matt und demnach unempfänglich zu werden, in sich aufnehmen, auf sich einwirken lassen kann. Liier kan:: es aber auch zum verhängnisvollen Fehler werden, ein vor Jahrhunderten zusammengestelltes kodifiziertes Buch ein für allemal unverändert beizubehalten, ohne die im hoffen und Wünschen, im Denken und En:pfinden der Menschen mit dem-Wandel der Zeiten sich vollziehenden Veränderungen und Wandlungen zu berücksichtigen. Verhängnisvoll kann dieses verfahren werden, weil es zu leicht die Grundbedingung jeder fruchtbaren Wirkung des Gebets zu untergraben droht, die Wahrhaftigkeit des Empfindens, ohne welche das hingemurmelte Gebet bestenfalls eine gedankenlose mechanische Lippenbewegung ist, welche Seele und Lserz kalt läßt, in manchen Fällen aber sogar zu einer wider besseres Empfinden und Denken verstoßenden Unaufrichtigkeit und Unwahrhaftigkeit führen kann, die, wenn sie überall verwerflich ist, auf diesen: Gebiete am schärfsten verurteilt werden muß. Und bei unseren israelitischen Gebeten eine angemessene Auswahl zu treffen, ist wahrlich keine so schwierige Aufgabe. Verfügen wir doch in unserer seit Jahrhunderten festgestellten Liturgie, abgesehen von den köstlichen Psalmen, die bedauerlicherweise nicht als Hauptbestandteil derselben, sondern mehr als Einleitung oder Anhang gelten, auch in den Hauptstücken unseres Gebetbuches über so viele erhabene, das Gedankenleben anregende und das Gefühlsleben erhebende Partien, daß man, ohne sich zu überheben, getrost sagen kann, daß keine andere Religionsgemeinschaft an religiös-sittlicher Tiefe wie an vernunftmäßiger Klarheit gleichwertige Gebete aufzuweisen hat. Schon die Wochentagsgebete zeigen solche erhabene Stücke in nicht geringer Anzahl. Man denke nur an das gleich in der ersten Partie des Morgengebets als Einleitung zum „Schema" dienende Stück: „Stets sei der Mensch gottesfürchtig, auch im Verborgenen, und bekenne sich zur Wahrheit und spreche die wahrin seinem Herzen," und an das daran sich anschließende Gebet der Demut, wie es tief religiöser und die Ohnmacht alles Endlichen dem Unendlichen und Unvergänglichen gegenüber schärfer zeichnend kaum gedacht werden kann, in welchem alle Selbstgerechtigkeit des Menschen vor der Gnade und Barmherzigkeit des Ewigen in nichts zerschwimmt, alle physische Kraft des endlichen Wesens, all feine Weisheit, alle irdische Herrlichkeit vor der

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