Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 176 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Ar. Frrudenthal: Nachruf für Ar. Vsgelstern zelnen voll Dankbarkeit ihm nachrühmen. Es waren die Vorzüge einer starken führenden Persönlichkeit, die selbst von den Gegnern bereitwillig anerkannt wurden. Auch ihnen galt in gemeinsamer Arbeit sein Wort und seine Tat gar viel, und wo er einmal aus blinden, verständnislosen Haß traf, war er viel zu vornehm, ihn nachzuempfinden, viel zu ritterlich, die, Sache selber deswegen leiden zu lassen, viel zu überzeugungstreu, sich auch nur einen Augenblick in dem, was seine Anschauung war, und vor allem in dem, was aus seiner Welt-, Gebens- und Religionsaufiassung floß, erschüttern zu lassen. Uns aber, die wir diese seine Welt-, Lebens- und Religionsauffassung teilen, war er erst recht die starke führende Persönlichkeit, und unsere Zuneigung zu ihm erwuchs nicht aus bloßer äußerlicher Sympathie, sondern aus dem kostbarsten und heiligsten Besitztum der Menschenseele, aus dem Boden ernster und wahrer gemeinsamer Ueberzeugung. Für uns liberale Theologen, für uns liberale Juden ist darum sein vorzeitiger Eingang der allerschwerste Schlag, was haben wir nicht alles noch von ihm für die Verteidigung und Verbreitung unserer Ideen erhofft! wir Rabbiner glaubten an ihren Sieg, weil wir an ihn, unseren feurigen und doch sittlich ernsten und tiefen Vorsitzenden glauben konnten; und wir Liberalen wagten von neuem wieder den Kampf, weil wir den langbewährten treuerprobten Veteranen mit an der Spitze wußten. Ja, uns war es oft genug, als ob er selber die lebendige Verkörperung des Ideals sei, das uns vorschwebt, und das die heilige Schrift erst am letzten Sabbat wieder gezeichnet hat, indem sie uns zurief (5. B. Al. 6): „Uschemartem waasisem, dies alles hütet und tuet, .... damit die V ö l k er von Tuch sprechen: Rak am chochom wenowon haggoi haggodol hasseh, fürwahr, ein weises und verständiges Volk ist diese große Nation!" „w eise und verständig" in „Ls ü t e n und T u n", in „L ehre und Lebe n", zur Ehre für Israel in den Augen aller Menschen, — so wünschen wir jeden Einzelnen unter uns, so wünschen wir gewiß unsere Führer, so wünschen wir das gesamte Judentum zu sehen. Und so weise und verständig in Lehre und Leben, zur Ehre und würde des Gottes und des Volkes, dessen Priester er war, im Innern wie nach außen hin, ist auch Heinemgnn vogelstein gewesen. weise zunächst durch Gottesfurcht, wissen und Charakter! Denn erst die Vereinigung alles dessen macht die wahre Weisheit aus. Auch am Priester! Gottesfurcht ist wohl der Anfang aller Weisheit, aber eben erst ihr Anfang! Eine Religiosität, die das wissen, die Wissenschaft mißachtet und den Charakter nicht bildet, baut nicht auf echter Gottesfurcht und führt nicht zu echter Weisheit. Vogelsteins Gottesfurcht war echt. Ehrlich wollte sie sein vor Gott und den Menschen, sie kannte keine Pose und keinen Schein, sie floß auch in der predigt, in der Belehrung, im Vortrag schlicht und natürlich aus der Wärme des Herzens und aus dem Feuer der Ueberzeugung. Und sein wissen war reich und strebsam. Unablässig suchte er den Wissensschatz, den er in der Studienzeit gewonnen hatte, zu vermehren und zu vertiefen; eifrigst schritt er mit den Fortschritten der Wissenschaft — nicht bloß auf theologischem Gebiete — fort; immerzu wollte er im lebendigen Flusse des Verständnisses für alles wahre und Schöne bleiben; und allezeit war er der erste mit auf der Schanze, wenn es galt, irgend eine brennende theologische oder allgemeine Frage für die jüdische Welt mit wissenschaftlichem Verständnis und praktischem Scharfblick gemeinverständlich zu beleuchten. Er war zugleich Priester, Gelehrter und Weltmann; aber er besaß weder