Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 175 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Dr. FreuLrnthal: Nachruf für Ar. Nogelstein 175 Naäirut für vr. tteinemann Vogelstein, gebaiten an feiner babre in 6er Synagoge zu Stettin am 9. August 1911 van Rabbiner Dr. freudenthal-Flürnberg. Al seh liojoh doweli libbenu, al eie choscliechu enenu, um diesen hier blutet unser Herz, darob trübt sich unser Auge!" Mit Worten weher Klage,' wie wir sie erst letzthin am Tage der Trauer aus dem Munde .des Propheten vernahmen (Klagel. 5, \7), betrete auch ich diese heilige Stätte, die bislang dem Teuren hier zu eigen war, dessen zäher Tod nicht bloß für die Stadt und Gemeinde seiner engeren Wirksamkeit, sondern auch für die weitesten Kreise unserer gesamten Religionsgemeinschaft einen so überaus schweren Schlag bedeutet. Im Namen all der Vielen, diezuHeinemannvogelstein voll Vertrauen, Verehrung und Sympathie aufschauten, und ganz besonders im Namen derer, die ihm in Freundschaft, Zuneigung und Liebe näher und am nächsten standen, soll ich ihm die Abschiedsworte sprechen, und so tief auch dieser Wunsch seiner Angehörigen einen Widerhall findet in den eigenen Gefühlen starker und herzlicher Anhänglichkeit an ihn, so tief erschüttert doch gerade mich dabei die ganze Tragik dieser Stunde. Konnte ich doch erst vor kurzem zu Ehren seines siebzigsten Geburtstages vor der Geffentlichkeit in festlicher Betrachtung seines Lebens und Schaffens al? hie bewundernswerte geistige und körperliche Frische rühmen, mit welcher die Vorsehung ihn begnadet hatte, und solche Betrachtung in die frohe Hoffnung ausklingen lassen, daß er wie in so vielem, auch darin uns noch lange Jahre ein glückliches Vorbild bleiben werde; und wie ein untrügliches Vorzeichen der Erfüllung dieser Hoffnung erschien es mir, als ich wenige Wochen später die Freude genoß, ihn in meiner Gemeinde sprechen, in meinem Hause plaudern zu hören, trotz des tiefen Einschnittes fenes Tages unverändert der Gleiche in all' der heiteren Abklärung, mit der er die Vergangenheit, in all' der beweglichen Lebendigkeit, mit der er die Gegenwart, in all' dem begeisterten und begeisternden Optimismus, mit dem er die Zukunft zu schauen pflegte. Um so weher dieser plötzliche Zusammenbruch eines Lebens, das noch so voll der Kraft zu sein schien, daß wir alle und immerzu wie aus einem nie versiegenden Jungbrunnen aus ihm schöpfen wollten, so wie wir das manches liebe Jahr hindurch gewohnt gewesen! Denn aus welchen Tiefen immer die Bewegungen sich emporringen mochten, die seit den letzten vier Jahrzehnten unsere Glaubensgemeinschaft überflutet haben, und mit welchen Mitteln immer, ob religiösen, geistigen, literarischen, sozialen, nationalen oder philanthropischen, seit dieser Zeit die Renaissance Israels und insbesondere die Wiedererweckung des deutschen Judentums erstrebt wurde und noch heute erstrebt wird, Vogelstein stand überall mit in der ersten Reihe, ein furchtloser Streiter im Für und im Wider, ein — selbst an seinem Todestage noch — unermüdlicher Arbeiter in der stillen Klause, wie ün Getriebe der Vereine und Versammlungen, ein zuverlässiger Helfer und Ratgeber, der keine Beschwernis und keine Abhaltung kannte, und nicht zuletzt ein lauterer Charakter, ehrlich und offen in Gesinnung und Wort, schlicht und vornehm im inneren Fühlen wie im äußeren Gehaben. Was er mit diesen Vorzügen in den verschiedenen großen Vereinigungen der deutschen Iudenheit, die ihm so sehr ans Herz gewachsen waren, im Einzelnen geleistet hat, das mögen die dazu Berufenen auch im Ein-