Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 8 (August 1911)
- Date
- 1911-08-01
- Page
- Seite 177 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. Frrudrnthal: Nachruf für Ar. Ungeistern 177 die dürftige Selbstzufriedenheit des einen, noch das stolze' Selbstbewußtsein des andern, noch die glitzernde Oberflächlichkeit des dritten. Dafür war auch fein Charakter viel zu gestählt und geschärft im lebenslänglichen Kampfe für seine Ueberzeugungen, offen und frei in Wort und Tat nach rechts und nach links, und doch nicht ätzend und verletzend, sondern wundersam verbunden mit Güte, Alilde und Feingefühl, voll sonniger Lebens- Heiserkeit und — allen Enttäuschungen zum Trotz — voll unerschütterlichen Glaubens an die Menschen und an die Kraft des Guten und Wahren auf Erden. So' verdient er in Wahrheit in Hüten und Tun, in Lehre und Leben einer unserer C ha c ha mim, einer unserer Weisen genannt zu werden. Und er war dabei ein Weltweiser, ein Nowon, ein verständiger zugleich, ein Mann voll rechten Verständnisses für das praktische Leben, ganz besonders in allen religiösen Angelegenheiten. Was war denn sein ganzer Liberalismus, der in unserer deutschen Glaubensgemeinschaft mit seinem Namen als typisch verbunden war und bleiben wird, anderes als solch' praktisches Verständnis? Keine radikale wissenschaftliche Erschütterung überkommener Anschauungen, kein rücksichtsloses Ueberbordwerfen des vergangenen zu "Gunsten des Modernen, kein blindwütiges Reformieren aus Lust am Neuen oder aus Freude am schönen Einfall! Nichts von diesen Typen früherer Geschlechter war an ihm; vielmehr: ein verständiger Blick für die Not der Zeit, ein verständiges Mitfühlen mit den Schwierigkeiten eines Falles, ein verständiges Eingehen auf den Geist der Gesetze, ein verständiges Abwägen aller Hülfsmöglichkeiten, ein verständiges U m b i l d e n der Formen und Buchstaben und erst dann, wenn es gar nicht anders ging, auch ein verständiges Neuschaffen. Wenn er als liberaler Rabbiner feine Stimme erhob, so klang sie wahrlich nicht viel anders als die des Propheten vom letzten Sabbat (Jesaja ^0,5): „Auch in der Wüste bahnet einen Weg für den Ewigen, auch in der Steppe ebnet einen Pfad für unseren Gott; die Abgründe selbst., suchet auszufüllen, die unüberwindlich scheinenden Höhen zu erklimmen; warum soll denn das Krumme nicht gerade, das Gestrüppe nicht zur Aue werden können!" So steht des verklärten Bild vor uns, das Bild eines Mannes, der Lehre und Leben, Hüten und Tun zu vereinen wußte, weil er ein Weiser und ein verständiger war, der das Ideal uns vorlebte, das ihm und uns v o r s ch w e b t e, dasselbe Ideal, das die heilige Schrift und die Propheten längst schon aufgewiesen haben. Und so soll Vogelsteins Bild auch fort leben in unserer Mitte, und wir wollen ihm nachleben! Seine Ideale werden die unsrigen bleiben, in die klaffende Lücke, die sein jäher Tod gerissen, wollen wir, ihm nacheifernd, einzutreten suchen und uns mühen, all' das, was er nicht mehr schaffen durfte, fortzuführen in seinem Geist und Sinn. Freilich in einem Kreise derer, die ihm in Liebe und Treue nahestanden, wird er nimmer zu ersetzen sein, im Schoße seiner Familie. Was sie an ihm verloren hat, die ja aus all' der Weisheit und Verständigkeit seines Wesens, aus all' der Güte, Milde und Lauterkeit seines Charakters ain häufigsten und reichsten hat schöpfen dürfen, das wage ich gar nicht erst in Worte der Klage zu fassen. Nur Worte des Trostes möchte ich dafür suchen. Und sie lassen sich finden; der Teure selber hat sie seinen Lieben hinterlassen. Noch in seinen letzten Gesprächen mit der geliebten Tochter gab er, auf das Beispiel Jeremias anläßlich des neulichen Trauertages hinweisend, seinem unerschütterlichen Glauben an die siegreiche Macht des Guten und Wahren Ausdruck, die sich durchringe.