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Liberales Judentum · 1911-08-01 · Heft 8 (August 1911) · p. Seite 174

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 8 (August 1911)
Date
1911-08-01
Page
Seite 174 (sequence 6)
Language
German
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174' Ar. Keligrnann: Zürn Gedächtnis Uogelstrins war heute mein Vis-L-vis bei Tische, Iosephtal ist sehr freundlich gegen mich, ganz besonders freundlich Wertheim aus Berlin, mit dem ich mich mehrere Stunden unterhalten habe, und der mich per Benommee schon durch Lsolzman kennt. Ich bin sehr froh, daß ich 'hingegangen bin^ wenngleich meine Verketzerung von seiten des Seminars nicht ausbleiben wird . . . Don der zweiten und dritten Sitzung berichtet er, daß er einmal scharf gegen Geiger gesprochen habe. Gr und Dr. Adler hätten es dahin gebracht, daß Geiger seinen Antrag „eine ohne vorherige Zivilehe vorgenommene jüdische Trauung für vollständig ungültig und aller rechtlichen Folgen bar zu erklären" nach langer Debatte zurückziehen mußte, da er sonst gefallen wäre. „Ich habe einen schweren Stand auf der Synode, sehe aber um so mehr ein, wie unverantwortlich es von so vielen Gesinnungsgenossen von mir ist, nicht hingekommen zu sein." Dogelstein griff mehr als ein Dutzend mal in die Debatten ein. Bezeichnend für die Stellung, die er sich dort errungen, ist der Vorschlag des Präsidenten Dr. Lazarus, Herrn Dr. Vogelstein bei der wichtigen Frage der Thalizah, obschon ein Antrag auf Schluß der Debatte vorlag, zunächst noch sich äußern zu lassen. Der Präsident begründete diesen ungewöhnlichen Vorschlag damals also: „wenn der Antrag auf Schluß der Debatte wieder ausgenommen wird, werden wir darüber abstimmen; zuvor aber möchte ich noch Herrn Vogelstein ersuchen, das Wort zu nehmen. Gestatten sie mir Ihnen den Grund anzugeben: Sie haben bei einer gestrigen Diskussion, ich glaube, Sie werden das ihrem Präsidenten zu gute halten, bemerkt, daß Herr Vogelstein als derjenige unserer verehrten Mitglieder zu betrachten ist, der jedenfalls aufs eifrigste und ehrenwerteste sich angelegen sein läßt, seine Anschauung vom konservativen Judentum hier frei und fest zu vertreten. Gs würde uns gewiß sehr wünschenswert sein, da wo es sich um die Abschaffung einer Institution, weil sie sich überlebt hat, handelt, und Den: Dr. Vogelstein ebenfalls für die Abschaffung sprechen will, denselben zu hören." Vogelstein, dev Führer des liberalen Judentums im Deutschland der Gegenwart — als Vertreter des konservativen Judentums auf der Augsburger Synode angesehen! Und doch ist sich dieser Mann, wie nur wenige treu geblieben und hat noch in den letzten, Rommissionsverhandlungen dieses Jahres in eherechtlichen Fragen denselben Standpunkt: eingenommen, wie auf der Augsburger Synode. Seit ^869 ist Vogelstein in überaus glücklicher Ghe verheiratet; es war eine jahrelange Studentenliebe, die in diesem harmonischen Bund ihre Rrönung fand. Mit seinev geistig hochstehenden Gattin hat der Gatto alles besprochen und beraten, alle Sorgen, des Amtes hat er ihr anvertraut, und sie wav ihm eine warmherzige treue Weggefährtin^ Seinen Rindern war er mehr als Vater. Wie ein Freund, wie ein älterer Bruder war er ihnen. Besonders mit seinem ältesten Sohne stand er, wie das ja natürlich ist, zeitlebensim denkbar regsten Gedanken- und Meinungsaustausch. Bichts kleines und nichts großes kam im Amte vor oder auf wissenschaftlichem^ religiösem oder sonst jüdischem Gebiete, ohno daß sich Vater und Sohn gegenseitig darüber ausgesprochen hätten. Und das Wunderbare an dem Verhältnis war, daß nicht nur der Sohn in allen Fragen um des Vaters ererfahrenen Bat gebeten hat, das ist selbstverständlich, sondern daß auch der Vater in allen Fragen des Sohnes Meinungsäußerung, und Bat wünschte. Und wiederholt hat er ohne weiteres dessen Meinung akzeptiert. So-, vollendet sich durch diesen charakteristischen Wesenszug das Bild des wahrhaften Weisem

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