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Liberales Judentum · 1911-08-01 · Heft 8 (August 1911) · p. Seite 172

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 8 (August 1911)
Date
1911-08-01
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Ar. Seligmann: Zum Gedächtnis Uogrlsteins zuvor anläßlich der Beerdigung Rapoports in seiner Heimatsstadt Prag gewesen. Bei dieser Gelegenheit hatte sich die Gemeinde Pilsen an ihn gewandt und um Empfehlung eines Rabbiners gebeten: Frankel nannte in erster Reihe Vogelstein, der denn auch gewählt wurde und am 15. Mai 1868 sein Amt antrat. Pilsen war damals eine ziemlich kleine Stadt, die jüdische Gemeinde war erst im wachsen. So hat vogelstein eigentlich die heutige Pilsener Gemeinde und vor allem das Pilsener Rabbinat erst geschaffen, welche Fülle von Arbeit er dabei geleistet hat, ist kaum zu sagen. Er predigte, als die Gemeinde größer geworden war, und neben der alten. Synagoge eine zweite mit ihr verbundene errichtet wurde, an den hohen Festtagen in beiden Synagogen. Er war der Leiter der jüdischen Volksschule und erteilte Religionsunterricht an den verschiedensten Lehranstalten; als er 1880 von Pilsen wegging, waren seine wöchentlichen Nnterrichtstunden schon seit Jahren auf 22 gestiegen. Zum Pilsener Rabbinat gehörte neben der Hauptgemeinde ein außerordentlich großer Umkreis. Zur Vollziehung von Funktionen mußte er oft weit über Land. So ging es einst jm Dezember 1879 bei einer Kälte von mehr als 20 Grad R. im Schlitten weit hinaus, die Fahrt ging durch einen berüchtigten Wald, und da die Rückfahrt in der Dunkelheit stattfand, wurde der Hausmeister mitgenommen, der seinen Revolver bereit halten mußte. Diese Reise war durchaus nicht etwa etwas vereinzelt vorkommendes. Reben seiner rabbinischen Berufstätigkeit hat Vogelstein in Pilsen eine recht weitgehende öffentliche Tätigkeit entfaltet. Urdeutsch empfindend mußte er der staatsgültigen Matrikelführung wegen sich in Oesterreich naturalisieren lassen. Es war die Zeit der deutschliberalen Vorherrschaft in Oesterreich.; Schmerling, gerbst, plener waren die führenden Männer. Aber schon begannen die slavischen Nationalitäten sich aufzulehnen. Vogelstein stand im Kampfe voran, mit in der Leitung der Deutschliberalen in Pilsen. Auch in jüdischen Angelegenheiten hat er sich über die Gemeinde hinaus betätigt. Das regste Interesse bekundete er von je für den Lehrerstand. So war er Obmann der Kaiser Franz Iösef-Iubiläumsstiftung zur Unterstützung der Witwen und Waisen jüdischer Lehrer in Böhmen. Mit dem benachbarten Maybaum in Saaz, mit welchem ein enges Freundschaftsband ihn umschloß, hat Vogelstein die böhmischen Rabbiner zu mehreren Rabbinerversammlungen nach Pilsen berufen. Es galt vor allem die Hebung des böhmischen Rabbinerstandes und die Besserung der wenig erquicklichen Zustände in Böhmen. Zn den neuen Freunden und freudigen Mitkämpfern aus der Pilsener Zeit ist außer Maybaum noch besonders zu nennen Gottlieb Klein (jetzt in Stockholm). Klein, ein Schüler Geigers, kam mit Empfehlungen von Holzmann, wertheim und anderen Freunden nach Pilsen und wurde von Vogelstein auf das wärmste ausgenommen. Seit dem ersten Tage der Bekanntschaft hat ihn, den um ein Jahrzehnt : jüngeren ein enges und treues Freündschaftsband mit dein vogelsteinischen Hause verknüpft. Das Pilsener Rabbinat bot Vogelstein wohl in vieler Einsicht volle Befriedigung, und doch trieb es ihn von dort fort. Denn er fühlte in sich das verlangen nach Muße zu wissenschaftlicher Arbeit, zu der er in Pilsen nur mühselig gelangen konnte, weil das Amt die volle Arbeitskraft des so arbeitsfrohen Mannes in Anspruch nahm. Dann aber waren auch die politischen Verhältnisse unleidlich geworden, war Vogelstein 1868 in eine überwiegend deutsche Stadt gekommen, so ging er 1880 aus einer Stadt weg, die zu zwei Dritteilen czechisch geworden war. Line unbezwingliche Sehnsucht nach Deutschland war in den: deutschen HIanne lebendig

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