Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 286 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126525--1013-3127707- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
286 Rundschau o o o o wiegenden Mehrheit der Versammlung sehr beifällig ausgenommen. Selbst die Gemeinde- Mitglieder, die auf einen Erfolg der Vereinigung in der dritten Masse nicht mehr gehofft hatten, faßten neuen Mut. Die auf den Vortrag folgende Diskussion war sehr lebhaft. Obwohl die Versammlung beschlossen hatte, jedem Diskussions-Redner nur eine Redezeit von J(5 Minuten einzuräumen, gestattete der Vorsitzende, Herr Emil Grünebaum, auch den Gegnern ihre Rede zu Ende zu führen. Diese Reden waren meistens der Verherrlichung und Verteidigung des Zionismus gewidmet, jedoch erklärten die meisten Redner der Gegenpartei selbst auf liberalem Boden zu stehen. Nur einer der aufgestellten Gegenkandidaten betonte die Notwendigkeit des Fest- Haltens an der Orthodoxie. Nachdem die von unserer Vereinigung aufgestellten Kandidaten ihre. Stellung zu den aktuellen Gemeindefragen und ihren religiösen Standpunkt dargelegt hatten, erhielt — erst gegen \ Uhr nachts — Herr Rechtsanwalt Brück das Schlußwort. Er widerlegte hie Argumente der Gegner in überzeugender weise und forderte zu reger Teilnahme am Wahltage und Stimmabgabe für die liberale Liste auf.— Schon vor dieser Versammlung hatte die Gegenpartei ein Flugblatt versandt, das eine Erwiderung seitens unserer Vereinigung notwendig machte. Es muß den Gegnern aber im verlaufe des Wahlkampfes doch wohl die Siegesgewißheit abhanden gekommen sein, denn die bis dahin 'sachlich geführte Wahlfehde wurde von der Gegenseite bald mehr persönlich geführt. — Dieses Vorgehen machte auch eine schärfere Tonart unsererseits notwendig, auch war unser Agitationskomitee so gut organisiert, daß auf alle Flugblätter der vereinigten Zionisten und Halb-Drthodoxen, ja auf solche, die erst am Abend vor der Wahl in die Hände der Wähler gelangten, eine treffende Antwort unserer Vereinigung erfolgen konnte. — Das Resultat dieser Bemühungen. war ein glänzender Sieg des Liberalismus in allen drei Wahlklassen. Selbst in der für gefährdet gehaltenen dritten Abteilung drangen unsere Kandidaten mit weit überwiegender Mehrheit durch. — Unserer Ortsgruppe wird dieser Sieg ein Ansporn sein, auch ferner für die Ausbreitung der religiös-liberalen Gedanken zu wirken, und diese jn die Tat umzusetzen. Wir dürfen verraten, daß das Winterprogramm für die monatlich stattfindenden Versammlungen unserer Ortsgruppe fast fertig gestellt ist, so daß wir einem arbeitsreichen Winter entgegen gehen, daß wir aber auch die Ueberzeugung hegen dürfen, daß die Tätigkeit unserer Ortsgruppe unserer Gemeinde und dem Judentum zum Segen gereichen wird. — München. Am Dienstag, den 28. Nov. hielt der Verein für das liberale Judentum in München im Richard-Wagnersaale des Bayerischen Hofes seine Hauptversammlung ab, wozu sich viele Mitglieder und zahlreiche Gesinnungsgenossen eingefunden hatten. Nach herzlichen Begrüßungsworten des Vorsitzenden, Rentier Albert Landauer, gab der Schriftführer des Vereines, Herr Kommerzienrat Niedermeier Aufschluß über die bisherige Tätigkeit und weiteren Aufgaben des Vereines. Dem eingehenden Rechenschaftsberichte war mit Genugtuung zu entnehmen, daß der Verein zur Zeit H25 Mitglieder zählt und insbesondere bei den Wahlen zur israelitischen Kultusverwaltung im Dezember WO durch rege Organisation und Agitation einen glänzenden Sieg des Liberalismus gegenüber dem Anstürme der Orthodoxie errungen hat. Letztere Tatsache allein kennzeichnet schon in treffender weise die Berechtigung und Notwendigkeit des 'Vereines. Schatzmeister Kommerzienrat Bühler gab den günstigen Vermögensstand bekannt, und erhielt dieser unter Worten des Dankes für seine bisherige Tätigkeit Decharge. Den Glanzpunkt des Abends bildete in erster Linie ein Vortrag des Herrn Direktor Gombrich aus Nürnberg über: „Ziele und Aufgaben des Vereines für das liberale Judentum in Deutschland" nebst „Biographie Abraham iGeiger's", in zweiter Linie ein Referat des Herrn Justizrat Ofner, ersten Vorstandes unserer Gemeinde, über den bisherigen Stand der Revision des Iudenediktes vom Jahre \8\3. Beiden Vorträgen, welche sowohl in rhetorischer Hinsicht, wie ihrem Inhalte nach formvollendet zu nennen waren, folgte wohlverdienter rejcher Beifall.