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Liberales Judentum · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 287

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 287 (sequence 23)
Language
German
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o o o o Rund schau 287 Nresdrn. In Dresden sprach Sonnabend, den % November Herr Professor Dr. Ludwig Stein aus Berlin über das „Wesen des Judentums" und führte ungefähr Folgendes aus: ZVie Schleiermacher vor einem Jahrhundert, so hat Harnack in seinem „Wesen des Christentums in der Gegenwart" die Religion bei den Gebildeten und Zweiflern wieder zu Ehren gebracht. Die monistische Bewegung auf der einen und ^der Keplerhund auf der anderen Seite haben das Interesse für religionsphilosoxhische Fragen in weite Kreise getragen. Der Weltkongreß für freies Christentum, der im August in Berlin tagte, hat aller Welt zum Bewußtsein gebracht, daß die Religion, wieder Problem geworden ist. Der Materialismus ist tot und begraben, dagegen erleben wir eine Neublüte religionsphilosophischer Forschung, wie sie Lucken in Jena, Höfting in Kopenhagen, James in Amerika gezeitigt hat. Das Judentum kann angesichts dieser mächtig anschwellenden religionsphilosophischen Bewegung unmöglich beiseite stehen oder sich mit der bloßen Zuschauer- oder Statistenrolle begnügen. Wie Harnack das Wesen des Christentums auf das Knappste und Exakteste zum Ausdruck gebracht hat, so sollten wir das Wesen des Judentums in jene adäquate Fassung bringen, die dem vorgeschrittenen Stande der Wissenschaft unserer Tage angemessen ist. Wir erblicken das auszeichnende Merkmal der jüdischen Religion in vier Grundlehren die sich mit der Philosophie unserer Zeit ausgezeichnet vertragen, sodaß das Judentum sich durchaus nicht im Gegensatz zur religionsphilosophischen Bewegung unserer Tage ^befindet. Und diese Grundlehren sind auf einen einzigen 'Ton gestimmt: „die Einheit". Das Judentum fordert: Die strenge Einheit und Einzigkeit Gottes (Monotheismus) 2. die strenge Einheit der Natur (Universalismus) 3. die Einheit des Menschengeschlechtes (Humanismus) die Einheit in der Zielstrebigkeit der Geschichte (Messianismus). Was die erste Grundforderung der Einzigkeit Gottes Betrifft, so befindet sich das Judentum in voller Uebereinstimmung mit den großen historischen Religionen wie mit den führenden philosophischen Systemen aller Zonen und Zeiten. Gb man nämlich eine Einheit der Substanz fordert und diese: Natur, Willen, Ich, Energie oder Logos nennt, ist gleichgültig, es handelt sich dabei nur um sprachliche Benennungen, im wesen kommen alle logischen Denker mit dem Judentum darin überein, daß an der Spitze der Pyramiden aller Gesetze und Zwecke jn der Welt, ein Einheitspunkt stehen müsse, heiße dieser nun Substanz oder Gott. Dieselbe Einheit fordert das Judentum für seine Naturbegriffe, Was die logische Ordnung im Kopfe rechtfertigt, nämlich ihr Zusammenhang mit der göttlichen Weltintelligenz, das gewährleistet auch die astrophysische Ordnung jn der Welt außerhalb des Kopfes d. h. in der Natur. Wenn wir auch das Universum in drei Reiche spalten, so hat uns die Spektralanalyse gelehrt, daß im ganzen Planetensystem genau dieselben physikalisch-chemischen Kräfte wirksam sind, wie auf unserem Planeten, der Mutter Erde. Das Gesetz von der Erhaltung der Kraft und die Aequivalenzformel der Energetik bestätigen die Einheit der gesamten Natur, sofern die Energieen ineinander übergeführt werden können. Die Naturkräfte führen keinen mörderischen Kampf gegeneinander, wie die Götter im Dlymp oder die Titanen, sondern sie wirken harmonisch zusammen, um unserem Weltgefüge sein gesetzmäßiges Ineinandergreifen zu sichern. Folglich kann der Gott in der Natur kein anderer sein als jenes logisch ordnende Bewußtsein, welches uns den Zusammenhang unserer Vorstellungen jm Kopfe ermöglicht. Ohne Gott wäre weder eine logische Ordnung im Geiste noch eine physikalische Ordnung in der Natur denkbar. Denn alles das, was mit Intelligenz gemacht ist, muß aus einer Intelligenz stammen. Der Mathematik der Natur entspricht drittens eine Logik der Geschichte. Lotze sagt einmal, die Juden hätten die Geschichte entdeckt. Das kann nur so gemeint sein, daß die Propheten den Finger Gottes in der Geschichte aufgedeckt haben. Ist die Natur ein Kausalgedanke, so ist die Geschichte ein Zweckgedanke Gottes. Der Gott der Geschichte kann kein anderer sein, als der der Natur. Nur äußert er sich in der Natur als Gesetz,

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