Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 283 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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o o 0 o Rundschau 283 Volk, das den griechischen Text unrichtig auffaßte, „in der Milch" verstand. Ja, wir möchten noch weiter gehen und behaupten, daß die Lsalacha erst aus dem Mißverständnis der ungebildeten Juden in Alexandria entstand und von dort sich nach Palästina verbreitete. Doch das sind Hypothesen. Flavins Josephus redet überhaupt nicht von diesem verbot, obwohl er sonst über die Speisegesetze ausführlich spricht; auch dies ist eine starke Stütze für unsere Vermutung über die Entstehung unserer Halacha in Alexandria. Noch im dritten Jahrhundert — das wird uns im Talmud selbst berichtet, wurde das verbot an verschiedenen Orten nicht gehalten. Aus dem angeführten Material geht hervor, daß man im'Altertum unsere Auffassung, daß es sich um kein Speisegesetz, sondern um eine sozialökonomische Vorschrift handelt. teilte, denn auch rein human können wir das Gebot unmöglich auslegen; spielt doch, wie gesagt, ein sehr materielles Interesse mit, da durch Befolgung der Vorschrift der wert des jungen Tieres erhöht wird, und Humanität zu materiellem Interesse stets in umgekehrtem Verhältnis stehen. Die Humanität des Pentateuchs den Tieren gegenüber findet in anderen Geboten einen viel klareren und unzweideutigeren Ausdruck. So treten wir also niemand zu nahe mit der Behauptung, das Gebot: „Du sollst nicht kochen das Böcklein, solange es an der Mutterbrust gestillt wird" ist eine landwirtschaftliche Unterweisung, eine sozialökonomische Vorschrift, und unsere Uebersetzung gibt den wahren Sinn, wieder, den der Verfasser des Pentateuchs dem Satze geben wollte. Die Auslegung der weifen aber steht in völligem Gegensatz zu dem Buchstaben und Geist des Pentateuchs. L. S. Rundfdum. Am 3J. Oktober hielt die Ortsgruppe Königsberg i. Pr. im British Hotel ihre Generalversammlung unter großer Beteiligung von Damen und Herren ab. Herr Oskar Tichelbaum erstattete eingehenden Bericht über Entstehung, Ziele und bisherige Erfolge der Gesamtvereinigung und erntete reichen Beifall für seine interessanten und belehrenden Ausführungen. Herr Herrmann Wolffheim beleuchtete die bisherigen Arbeiten der Ortsgruppe, welche \50 Mitglieder zählt. Tr macht darauf aufmerksam, wie schwer gerade in Königsberg die Entwickelung der Vereinigung ist. Tin großer Prozentsatz der Mitglieder der S'ynagogengemeinde besteht aus hergezogenen polnisch-russischen Elementen, die, so weit sie nicht Zionisten sind, sich nicht entschließen können, der Vereinigung beizu- Lreten. Tin weiterer Teil steht dem Judentum ganz interesselos gegenüber. Der weitaus größere Teil ist dem Namen nach liberal, hält für sich und seine Angehörigen nichts mehr von abgestorbenen und nicht mehr zeitgemäßen Gebräuchen, will aber offiziell nicht ein Tüpfelchen davon geändert wissen. Gerade diese beherrschen augenblicklich unsere Repräsentanz Und erschweren die Arbeiten der Vereinigung. Zu einer großen Debatte führte noch der Antrag eines angesehenen Mitglieds dev Versammlung: „Die Versammlung möge insgesamt in die vor kurzem hier ins Lieben getretene sogenannte Mittelpartei eintreten, um Einfluß auf deren Entschließungen zu gewinnen." Dieser Antrag wurde schließlich fast einstimmig abgelehnt, nachdem die Erfahrungen, die man an anderen Orten gemacht, beleuchtet waren. Nach Wahl des Vorstands, bestehend aus so Mitgliedern, wurde noch ein besonderes Komitee zur Vorbereitung für die bevorstehenden Repräsentantenwahlen ernannt. Stuttgart, November \9Uwelch reges Interesse die Angehörigen der israelitischen Gemeinde Stuttgart an religiösen Fragen nehmen, bewies der zahlreiche Besuch einer Versammlung, die die Ortsgruppe Stuttgart des Vereins für das liberale Judentum im Bürgermuseum in Stuttgart veranstaltete. Der Vorsitzende Landgerichtsrat Stern- Stuttgart, legte zunächst seine persönliche Stellung zum Judentum dar, indem er auf den tief ethischen Kern der dem jüdischen Glauben innewohnenden Ewigkeitswerte hinwies und