Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 280 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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280 Süchrrfch an o o Themata; aber auch, wenn er über praktische Fragen, wie Gotteshaus und Friedhof spricht, auch wenn er Schrifterklärungen, Charakterschilderungen gibt, verleugnet er den Philosophen nicht und weiß jedem Thema durch seine eindringende Behandlung eine gewisse Tiefe zu geben. Vielfach werden aktuelle Zeitereignisse, Gegenwartsfragen behandelt, aber stets stellt sie der Verfasser sofort unter die höchsten, idealen Gesichtspunkte, um sie von ihnen aus zu bewerten. Seine Neigung treibt ihn fast überall zur Synthese; darum haftet seine Beobachtung, seine Schilderung beinahe nie beim Einzelnen, Kleinen, Alltäglichen, Persönlichen. Um so wirkungsvoller freilich wird die Rede, wo sich der Verfasser einmal von seiner idealen Höhe herniederläßt, um sich 'liebevoll in Einzelschicksale und Erfahrungen des Menschenherzens zu versenken, wie an jener Stelle (S. \5), wo er so warm und gemütinnig von der jungen Braut erzählt, die vom Elternhaus Abschied nimmt, und der dann all die schweren Obliegenheiten der Mutter - zufallen. wie der Inhalt, so ist die Darstellung nirgends gewöhnlich, sondern stets feingetönt und von edler Einfachheit. Steckelmacher's Sprache verschmäht jeden Schmuck der Diktion, vermeidet alles Laute, Grelle; sie ist nicht wie Prophetenwort funkensprühend und Felsen zerschmetternd, nicht lapidar und voll eherner Kraft, sondern still und abgeklärt, zurückhaltend und leidenschaftslos. Ein besonderer Vorzug der vorliegenden Predigtsammlung ist die geistvolle Art, wie das als Text gewählte Schriftwort und der dazu gehörige Midrasch gedeutet werden. Der Verfasser weiß aus Text und Midrasch eine ungeahnte Fülle von Gedanken herauszulesen; wo er anklopft, öffnet sich ihm ein Felsen Sesam und offenbart ihm verborgene Schätze; er weiß aus Spreu Weizen, aus Schlacken Gold zu machen, weil er selber reich ist, findet er Reichtum, wo er gräbt. Gegen den theologischen Inhalt der predigten, die vor allem auch reich sind an apologetischen Gedanken, hat auch der anspruchsvollste Kritiker kaum etwas zu erinnern. Das Einzige was mir auffiel, ist die vielleicht nicht ganz gerechte Polemik (S. 53) gegen „jenen trockenen, kraft- und marklosen Moralunterricht, wie er heute von manchen angestrebt wird." Von wem, möchten wir fragen', wir wollen diesem Moralunterricht gewiß nicht das Wort reden, aber trocken und kraftlos ist er nicht, sondern sehr interessant und anschaulich — auch durch Vorbilder, wie sich der Verfasser z. B. durch die Lektüre von Foerster's Lebenskunde überzeugen kann. — Bei der predigt zu Lhaje Sara, S. 28, drängte sich mir die Frage auf, ob hier nicht eng an ein christologisches Prinzip angestreift wurde'. Endlich noch zwei rein äußerliche Bemerkungen. Dem Leser würde die Lektüre erleichtert, wenn der Verfasser mehr Absätze machte. Auch waren, da alle Predigten, ohne Ausnahme, nicht nur Textpredigten sind, sondern zugleich ein engumschlossenes' Thema behandeln, thematische Ueberschriften den bloß formalen: „predigt zu Abschnitt Bereschis, Noach, Lech lecho" vorzuziehen, wie ganz anders klingt doch und zieht doch an statt dessen: „Der Mensch, ein Ebenbild Gottes", „Das Rassenproblem", „Zusammenhang der Geschlechter", „Das Land der Verheißung". — Wir sind auf die Fortsetzung der inhaltreichen predigten gespannt. Selig mann.- Gabriel Rießer's Febrn und Wirken von Jos. Feiner. 3. Auflage. Leipzig H9W. Verlag von Gustav Engel. 8°. — 5l Seiten. Preis geb. Mk. —. Es ist ein zeitgemäßes Buch, das hiev in dritter Auflage im alten hübschen Gewände wieder vor uns erscheint; zeitgemäß in anbetracht des nahenden OOjährigen Jubiläums der Emanzipation der preußischen Juden; zeitgemäß aber vor allem aus inneren Gründen, weil wir Juden der Gegenwart eines solchen erzieherischen Buches bedürfen, das die Gewissen aufrüttelt, die Geister erweckt und uns die Kraft des Glaubens an die Zukunft in die müde Seele gießt. „Laßt uns nicht ermüden, solange wir Kraft haben", so klingt es uns aus diesem Büchlein zu, „der Glaube an die Macht und an den endlichen Sieg des Rechten und des Guten ist unser Messias-Glaube; laßt uns fest an ihm halten!" — Gabriel Rießer ist uns durch seine ethische Persönlichkeit, durch sein sittliches