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Liberales Judentum · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 276

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 276 (sequence 12)
Language
German
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276 O O o o MaL Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung sellschaftlichen Entwicklung. Nicht so ist es gemeint, daß der rein .tierischen Natur des Menschen auf ihre Rechnung verholfen werden soll, als ob es das höchste Glück der Erdenkinder wäre, wenn dieser ihr ursprünglicher Charakter sich nur weidlich ausleben und austoben könnte. Im Gegenteil; im Interesse des wohlverstandenen Vorteils, der recht erwogenen Eigensucht liegt es oft genug, den natürlichen nackten Trieben eine gewisse Beschränkung aufzuerlegen. Dafür sorgt schon das Zusammenleben der Menschen. Könnte ein gesellschaftlicher Zustand erwünscht sein, in welchem jedes Individuum sich's auf Kosten der anderen wohl sein läßt, nur seinen Lüsten ein gehorsamer Knecht? Nein. Die rechtverstandene Eigenliebe wird vielmehr dafür sorgen, daß nicht einer den anderen verschlinge, und sie ist sicher, daß der Beitrag, den sie dem Wohlbefinden der Gemeinschaft opfert, ihr mit reichen Zinsen zurückerstattet wird. So sieht die eudämonistische Ethik im Staate vor allem ein Polizeiinstitut, welches dafür Sorge trägt, daß niemand dem anderen seine persönliche Rechtssphäre allzusehr beschneidet, so daß durch weise Beschränkung der sich etwa zu keck hervorwagenden egoistischen Begierden das allgemeine Beste aufs trefflichste gehegt und aufgehoben sei. Heißt das aber gut sein, wenn wir in kluger weitsichtiger Berechnung nur auf unser Bestes bedacht sind? Unser unbefangenes sittliches Empfinden empört sich gegen eine solche Auslegung der Regungen unserer Seele, wenn es auch kaum imstande ist, seine Entrüstung mit vernunstgründen zu stützen. Aber in der Tatsache unseres Gewissens liegt ein deutlicher Protest gegen alle Formen und Abarten dev Glückseligkeitslehre, mag diese nun offen und ehrlich das mehr oder weniger veredelte Lustgefühl als Führer proklamieren oder dem wohlverstandenen Vorteil Gefolgschaft leisten; und ebenso werden wir es ablehnen, eine solche religiöse Gesinnung als sittlich anzuerkennen, welche die Gebote Gottes lediglich in der Absicht erfüllt, um durch strengen Gehorsameinen verheißenen Lohn zu gewinnen. Alle derartigen Prinzipien sind — das wird eine ehrliche Besinnung auf das Gewissen der begrifflichen Darlegung Kants zugestehen — nichts anderes denn Aeste eines Baumes, des Strebens nach Lust. Was aber ist nun das Gute? Ueberhaupt kein scharf umrissenes seinem konkreten Inhalt nach anzugebendes Ziel, das dem Willen die Richtung vorschreibt, nicht irgend ein bestimmter materieller Zweck, den sich unser Streben als Ideal zu setzen hätte; und möchte dieses Ideal selbst von vornherein auf nichts geringeres ausgehen, als auf allumfassende Wohlfahrt, als auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Anzahl von Menschen. Es ist vielmehr ein formales, innerliches Merkmal, das den guten Willen charakterisiert. Gut ist der Wille, der allen subjektiven und persönlichen Neigungen und Trieben und Anfechtungen zum Trotz allein dem kategorischen Imperativ gehorcht. Was bedeutet dieser Begriff? Da er der Brennpunkt mannigfacher Gedankenstrahlen ist, die aus den tiefsten Tiefen dev Kantischen Lehre entspringend in ihm sich vereinigen, so können ihn diese Zeilen nichterschöpfend behandeln wollen. Nur eines der gedanklichen Motive sei hervorgehoben, die zu seiner Prägung geführt haben: Wenn Kant die Glückseligkeit oder irgend ein besonderes der Güter des Lebens für unwürdig erklärt, dem sittlichen Streben als Leitstern vorzuschweben, so läßt er sich nicht etwa durch asketische, lebenverneinende Tendenzen bestimmen; sondern durch die Erwägung, daß die zu erlebende Tatsache der unbedingten sittlichen Verpflichtung, des Bewußtseins, daß man so handeln soll und nicht anders handeln darf, etwas ganz anderes besagt und bedeutet, als das im Mechanismus der Triebe sich auslebende Luststreben. Im Begriff des Sittlichen liegt es, Selbstzweck zu sein. Man darf offenbar nicht fragen, wozu das Gute dient; denn es ijt an sich und unbedingt wertvoll; höchstes Ziel. Aber nur das Gute ist Zweck an sich; nicht irgend eines der Güter, auf welche das Glückseligkeitsbegehren sich richtet. Diese sind ins Endlose immer nur Mittel zu Zwecken; die auf den Besitz der Güter gerichteten Handlungen sind daher auch nicht an sich, sondern nur bedingt wertvoll, sofern sie sich als taugliche Mittel zur Erreichung gewisser Ziele eignen. So wahr daher sittliches handeln ein solches ist, das unbedingt sein soll, so wahr muß es unbedingt gefordert werden, durch den kategorischen Imperativ.

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