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Liberales Judentum · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 277

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 277 (sequence 13)
Language
German
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Mas Wiener: Zur Geschichte der religiösen Ausklörnng 277 Was aber wird verlangt? Nicht ein Wollen, das auf bestimmte Ziele gerichtet, das auf gewisse Resultate eingestellt ist, sondern eine bestimmte Willensgesinnung: Mein handeln soll stets von derjenigen Gesinnung getragen sein, von welcher ich zugleich will, daß alle vernünftigen wesen sich durch sie mögen leiten lassen. Zu dem gleichen Ergebnis gelangt auch die Besinnung auf das, was wir in unserem Gewissen erleben;!es kann mich nicht lehren, was ich ein für alle mal zu tun habe; wohl aber wie ich ein für allemal gesinnt fein soll; so nämlich, daß ich bei jeder meiner Taten zugleich will, es sollten alle, die in genau der gleichen Lage sind wie ich, auch in genau derselben weise handeln. Ein solcher Wille, der lediglich durch das Sittengesetz in Bewegung gesetzt wird, ist gut; er allein ist das Gute; er allein wird durch unser Gewissen gefordert. Er soll sein. Ist er aber auch in der Tat irgendwo anzutreffen? Ist er auch nur möglich? Kant leitet seine Moralbegriffe ohne Rücksicht auf etwa widerstreitende Erfahrung ab. Und wenn es hundertmal wahr wäre, daß alle Welt sich nur durch die Gefühle von Lust und Unlust regieren ließe, durch die Ansprüche des natürlichen Glückseligkeitsstrebens, so ändert das gar nichts an dem Rechte der Vernunftforderung, daß es anders, daß der wahre Führer allein das sittliche Gesetz sein sollte. Und wenn nirgendwo in der Welt ein guter Wille angetroffen würde, so bliebe es doch dabei, daß er das höchste Gut, das unvergleichlich wertvolle sei. Doch wäre es nicht ein wahrhaft tragisches Geschick des Menschengeistes, das höchste, das einzige Gut klar zu erkennen, aber sich ewig aus seiner Sphäre verbannt zu wissen? Leuchtet in unserer Vernunft das Ideal nur wie in einem luftigen Reich wunderschöner Gedanken? wir stehen offenbar hier schon an der Grenze des religiösen Denkens, insofern die Religion lehrt, daß. das absolut wertvolle nicht nur zur Wirklichkeit werden soll, sondern wirklich ist, wirklich fein kann und wird. Die Verwirklichung des Guten, wie Kant es versteht, verlangt, daß ich mich zu emanzipieren vermag von der Allmacht der mein sinnliches natürliches Wesen beherrschenden Triebe und Neigungen. Freiheit ist die Unterwerfung unter das sittliche Gesetz, das die Vernunft sich selbst gegeben hat. Freiheit ist die Autonomie. Sie bedeutet die Ueberwindung meiner sinnlichen Natur. Nur als ein übersinnliches Wesen kann ich das tun, was ich unbedingt tun soll. Und weil ich mir des Moralgesetzes als eines mich absolut verpflichtenden Gesetzes bewußt bin, muß ich an die Realität der Freiheit glauben, muß ich an meinem übersinnlichen Tharakter festhalten. Die Realität der Freiheit kann auf theoretischem Wege nicht erwiesen werden^ aber als „Idee", als „Postulat der praktischen Vernunft" ist sie darum von nicht geringerer Gewißheit als irgend eine Tatsache der sinnlichen Erfahrungswelt. Sie ist ein Gegenstand des moralischen Glaubens, nicht des theoretischen Beweisens; aber darum gleichwohl so wahr und gewiß, wie es nur wahr und gewiß.ist,daß Sittlichkeit bestehen soll, wie sie den Menschen aus seiner Verkettung mit sinnlichen Trieben und Leidenschaften erlöst, so erweist sie ihn als ein im Kerne übersinnliches Wesen. Der wahMund praktische wert dieser Erkenntnis freilich beruht darin, daß der Mensch seine sinnliche Natur mehr und mehr der Herrschaft des sittlichen Gesetzes unterwerfe. Denn frei sein heißt, letzten Endes frei sein wollen, frei werden. Kant läßt sich's damit nicht genügen, mit der Idee der Freiheit auf die Realität des Uebersinnlichen hinzuweisen. Er führt in seine Moral auch die Ideen Gott und Unsterblichkeit ein, freilich in einer weise, die einen argen Bruch mit den fundamentalen Grundsätzen seiner Lehre vom Guten bedeutet. In stärkstem Rigorismus hatte er behauptet, daß Tugend und Glückseligkeit außer aller Beziehung zu einander bleiben müßten, wenn anders die Majestät des Sittlichen nicht gekränkt werden sollte. Nun aber stellt er in schneidendem Widerspruch dazu die Forderung auf, die welteinrichttmg müsse so gedacht werden, daß in ihr die Tugend schließlich auch zu Glückseligkeit führe. Darum werde das Dasein einer Gottheit notwendig, welche den des Glückes würdigen schließlich auch des Glückes teilhaftig werden lasse. Da aber der Augenschein lehre, daß die irdische Welt auf diesen harmonischen Klang nicht abgestimmt sei, so sei auch die Unsterblichkeit der Seele ein Postulat der prccktischen Vernunft. Doch wir werden dazu sagen: Für die

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