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Liberales Judentum · 1911-12-01 · Heft 12 (Dezember 1911) · p. Seite 275

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 12 (Dezember 1911)
Date
1911-12-01
Page
Seite 275 (sequence 11)
Language
German
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o o Mas Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung 275 Trieben der Sympathie, in einem dem Menschen angeborenen moralischen Sinne die Quelle alles sittlichen Strebens. Darin liegt ein Protest gegen das Hauptdogma des Christentums, das dem Menschen als ewiges Erbe nur die Fähigkeit zuspricht, aus eigener Rraft zu sündigen, aber nicht auch aus eigegenem Vermögen Gutes zu tun. Daß damals die Theorien des politischen Liberalismus geboren wurden, ist kein Zufall. Zudem er sich gegen die Gebundenheit im gesellschaftlichen und politischen Leben auflehnt, bezeugt er der menschlichen Vernunft das Vertrauen, daß sie sich auch ohne allzu straffen Zügel nicht blind in verderbliche Zerrüttung stürzen werde. Und wenn Rousseau, der Rulturfeind, den Urheber der Dinge preist, aus dessen Händen alles gut hervorgehe, so bewährt auch er sich als der echte Sohn einer lebenbesahenden Zeit. Die lange verhaltene Freude am Dasein und seinen Gütern brach in dem Maße stärker hervor, als die christliche Religion an Ginfluß auf die Gemüter verlor. Der Mensch, sein Wesen, sein Rönnen und seine Bestimmung erschienen in einem neuen Lichte. Wie die großen Rationalisten der natürlichen Rraft seines Geistes es zutrauten, daß sie alle Rätsel des Seins ohne Ausnahme lösen können, so reinigte sich allmählich auch der menschliche Wille vom Verdachte hoffnungsloser Verderbtheit. Freilich zeigte sich auch hier die Geistesgeschichte von der; Regel beherrscht, daß in ihr ein Extrem durch ein anderes abgelöst wird. An die Stelle der pessimistischen Anschauung von der Menschennatur trat ein allzu sanfter, freundlicher (Optimismus, der für den Menschen das liebenswürdige Urteil hat, daß schon aus den ihm von Natur zukommenden sittlichen Anlagen und Reimen die Moral und Harmonie des Lebens hervorwachsen würde, wie aus dem Samenkorn die Pflanze. Die ursprünglichen Regungen der Seele, wie sie in der Tätigkeit der Triebe und Instinkte zum Ausdruck gelangen, sollen in ihrer Entfaltung dazu führen, das Leben des Einzelnen wie das der Gemeinschaft glücklich und lustbringend zu gestalten; denn der wahre Zweck der sittlichen Arbeit — das empfand man als ganz selbstverständlich — kann nur die Befriedigung der uns eingeborenen Sehnsucht nach Freude und Lust sein. Der Güter Höchstes ist das Glück; das gelobte Land > unserer Träume. Nur der Gedanke an dieses Ziel ist stark genug, unser Streben zu beflügeln; ,die mannigfachen Güter des Daseins müssen die Ziele unseres Wirkens sein. Zu dieser Losung setzt sich Rants Lehre vom Werte des Lebens in scharfen und bewußten Gegensatz. Seine Ethik bedeutet den Rampf gegen jene Ansicht von der Moral, welche aus der Sinnlichkeit die Sittlichkeit ableiten, die im Streben nach Gütern das Streben nach dem Guten erblicken will. Und so verwahrt er sich gegen eine Beurteilung des Daseins, die in Glück und Seligkeit, mögen sie hienieden oder anderwärts dem Sterblichen erblühen, die höchsten Werte verehrt. Ihn kann es nicht interessieren noch gar beunruhigen, wenn etwa ein statistischer Ueberschlag über alle die Arten und Fälle von Leid und Lust, die in der Welt Vorkommen mögen, mit einer Unterbilanz im Ronto des Glücks ab schlösse. An echtem Werte würde dadurch das Dasein nicht um einen Deut verlieren, ebenso wenig wie die Wirklichkeit an wahrhafter Bedeutung gewänne, wenn sie sich als der gerade unfehlbare Weg zur Glückseligkeit auszuweisen vermöchte. Luft, Glück, Freude, Seligkeit — wie immer man die Ziele der natürlichen mit dem ursprünglichen Triebleben gegebenen Sehnsucht heißen wolle — sie sind gewiß nicht verwerflich, nicht Rinder des Teufels und der Sünde; aber eigentlicher Wert kommt ihnen nicht zu; ihnen so wenig wie den Gütern, auf welche die Neigungen der Menschen von Haus aus lossteuern. Denn das wahrhaft und allein unbedingt wertvolle ist nicht irgend ein Gut; sondern es ist das Gute; das echte Gute aber ist einzig der gute Wille des Vernunftwesens, des Menschen. Worauf will Rant unser Interesse lenken oder vielmehr wovon will er es ablenken? Von denjenigen Rücksichten und Absichten^ welche die natürlichsten und ursprünglichsten des Herzens sind, von den unserem Wesen eingexflanzten Trieben und Instinkten zur Lust, die samt und sonders im animalischen Charakter des Menschen wurzeln, in seiner Sinnlichkeit. Freilich bleibt die Glückseligkeitsmoral nicht dabei stehen, die Befriedigung der rohen und unverhüllten selbstischen Neigungen und Begierden als Zweck des Lebens aufzustellen. Der Trieb der Selbstliebe, die instinktive Scheu vor dem Leid i verfeinern und läutern sich im Laufe der ge-

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