Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 271 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Hundertjahrfeier für Frrdung Philippson 271 die Tagesereignisse flüchtig zu besprechen, er verstand es mit großem Geschick, die treibenden Kräfte der Zeit, die Ideale, die die Massen erregten, die Fortschritte der Wissenschaft mit der Lehre des Judentums in Beziehung zu bringen, sie bald von ihr aus zu kritisieren, bald wieder den Ginklang des modernen Fuhlens mit dem jüdischen Ideal zu konstatieren. Gr maß von seinem jüdischen Bewußtsein aus den Dingen Wert oder Unwert zu. Ihm war die Gabe zu teil geworden, seinen Gedanken nicht nur in der geschlossenen Form der wissenschaftlichen Abhandlung und des belehrenden Aufsatzes Ausdruck verleihen zu können, er war auch ein fruchtbarer belletristischer Schriftsteller. Und es fließt durch die Schöpfungen seiner Phantasie derselbe Strom, der seine^ ganze Persönlichkeit durchzog und formte, die Liebe zum jüdischen Stamm und der fröhliche Glaube an die Kraft des Menschen. Gs ist bezeichnend, daß er nicht die j)oesie des Ghettos dichterisch verklärte, sondern Heldengestalten der Vergangenheit neu erstehen ließ, wie sie heroisch gegen eine feindliche Umwelt kämpften und in ihrer Persönlichkeit jüdisches Bewußtsein .und edle Menschlichkeit harmonisch verkörperten. Mit Frankel und Geiger begegnete er sich 'in dem fruchtbaren Gedanken der Gründung einer jüdisch-theologischen Fakultät „zur Gntwickelung und Grhaltung unserer Religion für alle Jahrhunderte", begnügte sich auch nicht, hie Idee nur auszusprechen und vor den Berufsgenossen in Wort und Schrift zu vertreten, er suchte die breiteste jüdische Geffentlichkeit dafür zu interessieren, setzte Sammlungen in Szene, damit diese Anstalt von dem gesamten deutschen Judentum getragen werde und so der Gegenstand steten Interesses bleibe. Gs gelang ihm zwar nicht, seinen j)lan alsbald zu verwirklichen — die Gemeinden zeigten sich nicht so gebefreudig!, wie er es erwartete, und das dringendste Bedürfnis ward ja auch bald durch die Gründung des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau aus der Grbschaft des Kommerzienrat Fraenckel befriedigt. Aber er hatte doch die Freude, am Abend seines Lebens seinen f)lan in Grfüllung gehen zu sehen, die Errichtung einer Anstalt, „die keine geschlossene Schule ist, unter der Leitung eines Mannes, der ihr seine Anschauung aufprägen konnte," als im Jahre 1872 in Berlin die „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" unter seiner tätigen Mitwirkung eröffnet wurde. Gs ist nur ein Teil seiner Lebensleistung, den wir hier zeichnen konnten, aber auch aus ihm schon prägt sich das Urteil, daß das deutsche Judentum Ludwig j)hilippson zu dauerndem Danke verpflichtet bleibt. Gin Anreger und Wecker, überzeugt von der Unvergänglichkeit der jüdischen Lehre und unermüdlich in dem Streben, die Kenntnis des wahren Ideengehaltes des Judentums seinen Bekennern zu vermitteln und unter den Gebildeten aller Konfessionen zu verbreiten, ein deutscher Jude, Freund und Förderer allen Fortschritts und ein seiner Verantwortung sich bewußter Rabbiner, getragen von dem Bewußtsein, daß alle Gntwickelung der Menschheit in den Gedankenkreis der Bibel einmünden müsse und daß das Judentum die Religion der Zukunft ist, so wird er im Gedächtnis der deutschen Juden fortleben als einer der Führer aus der Zeit ihres stärksten Ringens.