Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 269 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Hundertjahrfeier für Ludwig Phitippson 269 jschen Gebetes zur Debatte stand. Mit Gut- > fchiedenheit betonte er da, daß es sich nicht um ein „Entweder-Dder", sondern nur um ein „Wieviel" und „Was" handeln könne, daß das Hebräische als Vorzugssprache im Gemeindegottesdienst bleiben solle, als Mittel der Anregung und als das entscheidende Moment der Einheitlichkeit des gesamten Judentums über die trennenden Einflüsse der Zerstreuung hinaus. „Das Hebräische muß beibehalten, aber mit dem deutschen Element organisch verbunden werden." Ebenso wahrte er auf der Breslauer Rabbinerversammlung seinen Standpunkt in der Sabbatfrage, indem er sich gegen die Verlegung des Sabbats auf den Sonntag aussprach und das Verbot der Arbeit als unverrückbar hinstellte, bei aller persönlichen Freiheit, den Begriff der Arbeit zu interpretieren. Seine weiteren theoretischen Ausführungen zu diesem Gegenstand, daß es leider nicht in unserer Macht steht, die Rollision zwischen den Bedürfnissen des modernen Lebens und der Forderung des Sabbats restlos zu beseitigen, daß das Sache der Geschichte bleibe, haben ihre Wahrheit auch in unseren Tagen. Was j)hilippson vorschwebte, bleibt als ideale Forderung auch vor uns stehen, nämlich über den Zustand der Willkür des Einzelnen hinaus zu einer Form des Lebens und der Frömmigkeitsäußerung der modernen Iudenheit zu gelangen, die aus einem eigenen und gleichen R>ckhmus überzeugter freier Juden geboren ist. Da sich f)hilippson die Reform des Judentums nicht in der äußerlichen Umgestaltung des Rultus und des Ritus erschöpfte und es ihm wesentlich erschien, den Ideengehalt der Bibel jn das Leben des ' modernen Juden einströmen zu lassen, um dem Judentum Werbekraft und Erhaltung zu sichern, so war es nur selbstverständlich, daß er sich um die theologische Formulierung des Lehrinhalts ernstlich mühte. Er verlangt von jeder Reform, daß sie an dem Offenbarungscharakter des Judentums festhält, dadurch allein bleibe sie frei von Verwässerungen, wenn man freilich auch darauf verzichten müsse, den Vorgang der Offenbarung restlos verstandesmäßig zu deuten. Entscheidenden Wert mißt er der Lehre von der messianischen Zeit zu. Zwar schreitet er über den Glauben an den persönlichen Messias rasch hinweg, um so stärker und nachhaltiger aber betont er die Unentbehrlichkeit der messianischen Idee, als des Glaubens an eine Zeit, in der der ungetrübte Monotheismus Israels sich in der Menschheit allgemeine Anerkennung gesichert haben wird und in ihrem Gefolge Recht und Friede, „die Einheit aller Beziehungen des Menschen" herrschen wird. Hier, in dieser Lehre, findet er den stärksten unüberbrückbaren Gegensatz zwischen Judentum und Christentum — wie er überhaupt der Herausarbeitung der Differenzpunkte zwischen Judentum und den anderen Religionen besondere Aufmerksamkeit zuwandte. Das Judentum begreift den Messianismus als die einstige Anerkenntnis des einen Gottes von allen Völkern, die un-, bedingte Erfüllung seines Willens von allen Menschen und darum auch 'die allgemeine Geltung des Rechts. — unter Recht irrt höheren Sinne versteht das Judentum auch die Liebe —, das Christentum hingegen sieht in ihm die Versöhnung des schon sündig geborenen Menschen mit Gott durch den Glauben. Das Judentum faßt die Messiasidee als Erlösung von Irrtum und Unrecht, das Christentum als Erlösung von der Sündhaftigkeit durch den Tod des Messias und den Glauben an diese Erlösung. Und so ist es unauflöslich mit der Lehre von der Erbsünde, dem Opfertode Gottes und der befreienden Macht des Glaubens an sich verknüpft. E i n Grundgefühl strömt durch diese und all die anderen theologischen Ausführungen,