Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 268 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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268 O O o o Zur Hundertjahrfeier für Fndrvig PlMppson Israels. Und wir liberale, die wir das Suchen nach der Einheit von Lehre und Leben zu einem wichtigen jDunkt unseres j)ro-- grammes erhoben haben, werden mit besonderer Freude gewahren, wie Philippson nun auf Grund dieser Thesen seine Forderung für die Neuzeit formuliert. Sie muß die Rückkehr zum Mosaismus bringen, im tieferen Sinne dieses Wortes, der Harmonie des Lebens und der Lehre, der Idee und der Wirklichkeit, der Einheit aller Beziehungen des Menschen. „Man verstehe uns wohl, nicht, daß man zum Mosaismus, so wie er im Buchstaben dasteht, zurückkehre, dies wäre eine Unmöglichkeit. . . Aber der Mosaismus ist es, der den eigentlichen positiven Gehalt des Judentums enthält; und es kommt daher darauf an: die festen und sicheren Ideen des Mosaismus zum klaren Bewußtsein zu bringen und zu erfahren, wie diese unter den Bedingungen des gegenwärtigen Lebens in die bestimmte Erscheinung und in wesentliche Gestaltung e i n d r i n g e n können." Getragen von dieser Anschauung nahm f)hilippson seine Stellung zu den Fragen der Gegenwart und den Forderungen des praktischen Lebens. Er selbst nannte sich einen geschichtlichen Juden, bezeichnete seine Richtung als die historische. „Die geschichtliche Entwickelung besteht in der Feststellung aller geschichtlichen und konkreten Momente, solange sie lebendig sind und in ihnen Lehre und Prinzip zur Erscheinung kommt." Er protestiert gsegen den Vorwurf, der gegen das liberale Judentum auch heute aus gegnerischem Mund leichtfertig erhoben wird: „Es gibt Leute, welche sich Konservative, das ist Erhaltende, und alle, die nicht mit ihnen sind, Destruktive, das ist Zerstörende nennen. Wer aber irgendwo ein Fahrzeug hat, darauf seine Väter und Ahnen seit Jahrhunderten sicher über den Ozean gefahren, allen Unwettern und Stürmen trotzten, an Riffen und Klippen vorübergelangten/ aber in der Länge der Zeit wurde dem Ruder ein Teil abgebrochen, das Takelwerk zerschlissen, flanken haben sich losgemacht von den Seiten, im Kiel wurden Balken wurmstichig und leck, wer sind da die Konservativen und wer die Destruktiven? Diejenigen, welche ausrufen: „Dieses Schiff ist unantastbar, keine ausbessernde Hand darf angelegt werden, auch wenn es im nächsten Sturm Gefahr läuft, zu zerbersten und in die Tiefe zu sinken" — oder diejenigen, welche alle Kraft und Tätigkeit daransetzen, die flanken wieder zu befestigen, und neue Balken jm den Kiel zu fügen, damit wir und unsere Kinder und Enkel auf diesem selben Schiffe wieder Jahrhunderte über den Ozean der Menschheit zu fahren vermögen, während ringsum so vieles versinkt und untergeht? Wer sind da die wirklich Zerstörenden und Erhaltenden?"*) Aber nicht eine äußere Reform des Kultus und der Zeremonien war ihm die Hauptsache, so wenig er sich dieser Notwendigkeit verschloß, sondern die innere Reformation, die Wiederanknüpfung an die Zeit, da der Ouell des Lebens in der Gemeinschaft kräftiger sprudelte. Nun lag es durchaus im Zuge seiner Auffassung vom Wesen des Mosaismus, daß er diese neuzuschaffende Harmonie von Leben und Lehre nicht willkürlich von den einzelnen Individuen hergestellt sich dachte, sondern getragen von der Autorität der Gesamtheit. Und so wurde er der Urheber und energische Verfechter der Forderung von periodischen Rabbinerversammlungen und dann später der Idee der Laiensynoden, und war auf ihnen ein Vertreter der gemäßigten Reform. Besonders trat er mit seinem Standpunkt auf der Frankfurter Rabbinerversammlung im Jahre hervor, als die Frage des hebrä- *) Rede auf der Rabbtiier-Bersammlitug tu Cassel 1868; A. Z. D, I. 32 S. 692.