Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1911)
- Date
- 1911-12-01
- Page
- Seite 267 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126525--0994-3127688- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
o o o o Zur Hundertjahrfeier für Ludwig Philippfon 267 jüdischen, zu erheben, zu zeigen, wie aller Fortschritt der Menschheit, alle Rümpfe um Rechtsgleichheit und soziale Gerechtigkeit nur eine Rückkehr zu ihr und ihren Ideen über die rechte Gesellschaftsordnung bedeuten. Uns interessiert hier in erster Reihe seine Stellung zu den Fragen der Neubelebung des Judentums. Denn er war ja hineingeboren in jene Zeit chaotischer Verwirrung, da das deutsche Judentum eine seiner gefährlichsten Krisen durchlebte. Auf der einen Seite erzeugte die Hilflosigkeit und Ratlosigkeit gegenüber dem drängenden Ansturm des Neuen, der neuen gesellschaftlichen Ordnung, der bisher ungekannten deutschen Bildung, ein um so starreres Festhalten an der alten Form des Judentums, auf der anderen Seite herrschte zum Teil stürmender Radikalismus, zum Teil Verständnislosigkeit und Unkenntnis der Grundlagen des Judentums und daher Gleichgiltigkeit und Unterschätzung seiner kulturellen Bedeutung und Notwendigkeit. In diesem verzweifelten Ringen auseinanderstrebender Kräfte vertrat er eine vermittelnde Richtung. Wie er nun zu den Streitfragen Stellung nimmt und seine Anschauung praktisch auszüwirken sucht, ..daS läßt sich nur würdigen, wenn man seine Auffassung über die Grundrichtung des Judentums und die einzelnen Phasen seiner Erscheinungsform kennt. Philippson unterscheidet Epochen im Lieben des Judentums, den Mosaismus, den Prophetismus, den Talmudismus und die Bestrebungen der Neuzeit. Der Rlosaismus geht von der Einheit des religiösen und sozialen Menschen aus, von der Einheit der Lehre und des Lebens. Er kennt keinen Unterschied der Idee und der Wirklichkeit; daher tritt im MosaiSmuS die Lehre nicht abstrakt, sondern als Gesetz, als Leben auf; es werden nicht bloß allgemeine Lehren der 'Sittlichkeit aufgestellt, sondern es wird auch ihre konkrete Durchführung bis ins Einzelne hinein ausgearbeitet, um so nicht nur das persönliche Tun. sondern das ganze Gemeinschaftsleben in Staat und Gesellschaft der religiösen Idee zu unterstellen. Dadurch wird aber nicht etwa beabsichtigt, das Prinzip starrer Gesetzlichkeit, die Feindin aller wahren Religiosität, auf den Thron zu erheben, es waltet vielmehr der Gedanke vor, daß eine bestimmte Anschauungsweise, noch dazu in einem jungen Volke, nur unter bestimmten Gesetzen sich ausbilde, daß erst die Ausprägung der Idee im L e b e n die Idee zur Herrschaft führe.- Im Augenblick aber, da der Mosaismus fertig hingestellt ward, beginnt sofort der Kampf dieser Idee mit der Wirklichkeit, dem Volke, dem sie anvertraut war. Es war nicht stark genug, den Mosaismus festzuhalten, versank in Heidentum, oder griff die Form, den Kultus, auf und drückte ihn zur inhaltslosen Werkheiligkeit hinab. Da entstand der Prophetismus. Da er das Leben nicht zu retten vermag, will er die Idee retten. Er stellt die obersten Prinzipien fest, und energisch hin, die Lehre von dem einen Gott und der allgemeinen Sittlichkeit. Aber er verzichtet darauf, die Lehre auszumünzen, in einzelne, im persönlichen und Gemeinschaftsleben notwendige Handlungen. So ist er zwar eine Fortentwickelung des Mosaismus, aber nur eine einseitige, die Unterstreichung und kräftigere Herausarbeitung der religiösen Idee Die entgegengesetzte Richtung schlägt der Talmudismus ein. Er entwickelt das Gesetz als absolute Norm des Lebens, aber nicht als Verwirklichung der Idee und bedeutet also auch nur eine einseitige Fortentwicklung des Mosaismus, da er ein Uebergewicht des Lebens über die Idee bringt. Man kann im Zweifel sein, ob dieses Schema dem Gang der religiösen Entwickelung vollkommen gerecht wird, in jedem Falle ist es die Konzeption eines originellen und fruchtbaren Leitgedankens, für die Geschichte