Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 165 (sequence 45)
- Language
- German
- Belongs to
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V Nr. David Philipfon: Die Reform beivegung im Judentum 165 und mit gründlicher Kenntnis faßt er in einem Satz die Vorzüge und die Fehler dieses ersten Reform - Gebetbuches zusammen, wenn er erklärt, daß das Prinzip, welches jene leitete, welche diese neue Gebetordnung aufstellten und Herausgaben, darin bestand, ohne gegen die bestehenden Ansichten über das Gebet zu sehr zu verstoßen, also mit möglichster Schonung derselben, die äußerlichen Bedingungen der Andacht herzustellen, um das mit der bürgerlichen Stellung der Juden in Widerspruch Stehende zu Leseitigen.bb) Es war nur ein schwacher versuch zu einer durchgreifenden Reform des Gottesdienstes, durch die allein die Forderung einer andächtigen Stimmung befriedigt werden konnte. Die Zeit war, so weit die religiöse Lage unter den Juden in Betracht kam, eine bewegte, und so lobenswert auch die uneigennützigen Bemühungen Kley's und seiner Genossen £. Z. Riesser, RI. Z. Bresselau, S. Z. Fränkel und anderer waren, so hatten sie doch kein völliges Verständnis für die zu Grunde liegenden Prinzipien.88) Dennoch hat die Gründung der Hamburger Reformgemeinde und die Ginweihung ihres ersten Tempels wegen ihrer Folgen historische Bedeutung in den jüdischen Annalen erlangt. Die drei Hamburger Rabbiner, Baruch ben Meir Oser, Moses Zacob Zaffe und Zechiel Michael Speyer, erließen eine Proklamation, in der sie die Ketzereien der neuen Bewegung schärf rügten. Die Wogen der Erregung gingen sehr hoch. L. Z. Riesser, der Schwiegersohn des Altonaer Rabbiners Raphael Kohn und Vater des großen Rechtsgelehrten, der Hauptperson in der Geschichte jüdischer Emanzipation in Deutschland, Gabriel Riesser, erließ einen Aufruf an seine Hamburger Glaubensgenossen, in dem er zum Frieden ermahnt und auf die Tatsache aufmerksam macht, daß das Bedürfnis nach Reform unleugbar vorhanden sei.88) Gr predigte jedoch tauben Ghren. Zn tadelnswerter Weise versuchte nun die orthodoxe Partei, den Hamburger Senat zu veranlassen, das neue Gotteshaus zu schließen. Zetzt über regten sich auch die Reformer: Die Geistlichen der neuen Gemeinde ersuchten rabbinische Autoritäten um eine Meinungsäußerung bezüglich der Gültigkeit der von ihnen eingeführten Reformen. Das Resultat dieser Umfrage war das Erscheinen eines Buches, das eine ganze Anzahl Gutachten enthielt, die der neuen Bewegung günstig waren.89) Die bemerkens- 86) Nachgelassene.Schriften I, 148; weiter unten Kap. IV. 8?) Jost., a. a. £>., S. 23. 88) Adresse an meine Glaubensgenossen in Hamburg, Altona 1818. 89) „Nogah zedek“ mit einem Anhang: „0r. nogah", Dessau 1818. werteste Kundgebung in dieser Streitfrage ist die von Aaron Thorin, Rabbiner von Arad in Ungarn, einer der interessantesten Erscheinungen aus den ersten Jahren der Reform-Bewegung.9«) Thorin verteidigt alle in Hamburg eingeführten Reformen durch Anrufung rabbinischer Autoritäten, er empfiehlt diese Reformen als notwendig und verurteilt rückhaltlos die Mißbräuche, zu deren Abstellung die Reformer Maßregeln ergriffen hatten. An die Mitglieder der neuen Gemeinde richtet er ermutigende Worte und feuert sie an, das Werk, das sie begonnen hätten, fortzusetzen. Die letzte öffentliche Aeußerung Aaron Thorin's bestand in einer Mitteilung, die er an die Konferenz Ungarischer Rabbiner zu peks im Zahre ^844 richtete. Am 24- August jenes Zahres starb er, am \ö. August schrieb er die betreffende Mitteilung; ich führe einen Teil derselben an, weil sie so gut die Zdeale ausdrückt, welche diesen dem' ersten Geschlecht der Reformer angehörigen Mann leiteten. Kämpfe und Verfolgungen hatte er wegen seiner Ueberzeugungen erdulden müssen, aber am Schluffe seines Lebens, nachdem er sein 78. Zahr erreicht hatte, finden wir Ihn so unverzagt, wie je, in der Sache, der er sich geweiht hatte. Wir können diese letzte Mitteilung als sein rabbinisches Vermächtnis und seinen letzten willen betrachten. Gr schrieb folgendermaßen :91) „Die dauernden Bestandteile der Religion müssen ihren Ausdruck in Formen finden, welche sich an das Volk wenden und mit den Bedürfnissen des Lebens im Ginklang stehen, wenn unsere Religion und unser Leben mit einander in Widerstreit zu geraten scheinen, so liegt dies entweder an der Verunstaltung des Heiligtums durch fremde Zusätze oder an der Zügellosigkeit des sündigen Willens, der seine uneingeschränkte heftige Begierde und seinen blinden Trieb zu bestimmenden Führern des Lebens machen möchte. Wenn wir uns ebenso bereit zeigen werden, uns von diesen unwesentlichen Zusätzen, welche sich in unfern erhabenen Glauben so häufig als Folge finsterer und düsterer Zeiten hineingedrängt haben, loszusagen, wie wir entschlossen sind, unser ganzes Leben für die Aufrechterhaltung des wesentlichen zu opfern, so werden wir mit der göttlichen Hilfe imstande sein, allen leichtfertigen, gedankenlosen und anmaßenden Eingriffen, welche Frechheit oder Unwissenheit gegen unsere heilige Sache zu schlendern vermögen, erfolgreich zu widerstehen; der scheinbare Gegensatz wird dann verschwinden, und wir werden etwas Dauerndes für Gott vollbracht haben. 9«) Aaron Chorin, eine biographische Skizze von Leopold Löw, Gesammelte Schriften, II. 251—420. Szegedin 1890. 9i) Der betreffende alte Jahrgang der „Allg. Z. d. I." ist nicht in meinem Besitz.