Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 164

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 164 (sequence 44)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126520--0886-3127679
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

164 ' Ar. Aavid Philipson: Are Neformbrrvrgmig im Judentum tziu. dem rabbinischen Geist entgegengesetzter, und die religiösen Ansichten der Juden als gleichgestellter Staatsbürger waren gänzlich verschieden von denen ihrer Vorfahren, der ausgestoßenen Marias des Ghetto. Wie alle Kompromisse, war auch dieser unbefriedigend, doch dies wurde erst in späterer Zeit erkanirt. Die Einführung der ersteig Reformeil versetzte tatsächlich der Herrschaft des Talmuds als der unbedingten Richtschnur für jüdische Betätigung den Todesstoß. Lange bevor die Reformbewegung Gestalt angenommen, hatte das Leben die Frage entschieden; in jeder Einsicht hatte der Talmud oder vielmehr feine Kodifikation, der Schulchan Aruch, für viele Juden seine Autorität verloren. Offiziell allerdings wurde er noch anerkannt, und ein langer und heftiger Kampf schien entbrennen zu sollen, ehe ihm seine Autorität von irgend einer gesetzgebenden Körperschaft abgesprochcn wurdet) Von unserem gegenwärtigen, eine bessere Uebersicht gewährenden Standpunkt aus sehen wir, daß der Streit zwischen der traditionellen und der Reformxartei deutlich und entschieden war; sie stellten zwei unvereinbare Richtungen dar. Die erstere behauptete, daß jedes Iota und Pünktchen vergangener Sitten und Gebräuche ewige Gültigkeit habe und nicht verändert werden könne, die letztere erklärte, die tote Hand der Vergangenheit dürfe nicht auf der Gegenwart lasten, und wenn die Formen der Religion sich den berechtigten Forderungen der Lebenden nicht anpassen würden, so würden diese sich ihrem Einfluß gänzlich entziehen. Die eine Partei verkündigte das Prinzip des Stillstands und der Unwandelbarkeit in religiösen Dingen, die andere das des Fortschritts und der Veränderungsfähigkeit. Allein in den Anfangsjahren der Reformbewegung haftete dieser Kontrast den Parteien noch nicht so an. Wie soeben gesagt, versuchten die Reformer die Gültigkeit ihrer Reformen auf die Autorität des Talmuds zu gründen, und zeigten damit, daß sie sich selbst der wirklichen Bedeutung der Bewegung, an deren Wiege sie standen, noch nicht völlig bewußt waren. Sie kämpften tatsächlich im Finstern. Es gab noch kein bestimmtes Programm, das auf deutlich ausgesprochenen Grundsätzen aufgebaut war. Die Reform in ihrem damaligen ersten Stadium war ein zwar ehrlicher, aber doch unzulänglicher Versuch, den fast umwälzenden Aenderungen Rechnung zu tragen, welche in der Zudenheit Platz gegriffen hatten, als eine Folge der bürgerlichen, gesellschaftlichen und geistigen Emanzipation, die die Zuden aus 82) Dies geschah durch die Zentralkonserenz amerikanischer-Rabbiner aus der Versammlung zu Rochester im Juli 1895; siehe Jahrbuch der Zentralkonferenz Nr. 6, S. 63. der Absonderung des Ghetto in das Weltgetriebegeschleudert hatte. Es muß zugestanden werden, daß die Leute,, die die Reformbewegung verursacht hatten, ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren. Sie besaßen nicht die philosophische Ueberlegenheit, um die wirkliche Bedeutung der Zustände zu begreifen,, denen sie Rechnung zu tragen suchten; dies geht sichtlich aus der Hamburger Bewegung hervor. Nirgends sehen wir da unentwegte folgerichtige Bestimmtheit.8 ) Die charakteristischen Züge, dieden Tempel als eine Abweichung von traditionellen Bahnen erscheinen ließen, waren in der Hauptsache opportunistischer Art. Diese Hauptzüge bestanden in — einigen Aenderungen in der Liturgie,, besonders den Gebeten um die Ankunft des persönlichen Messias, in der Einführung deutscher Gebete^) 5cm Gebrauche der Orgel; sie nahmen die sogenannte portugiesische Aussprache des Hebräischen an und schafften den beim Lesen des Pentateuch gebräuchlichen herkömmlichen Gesang ab. Hier können wir wieder dieselbe Tatsache feststellen, die wir bereits im Zusammenhang mit den anfänglichen, von Jacobson in Seesen unternommenen Reformschriften festgestellt haben. Zn der Verschönerung des Gottesdienstes erblickten die Reformer scheinbar das A. und O. ihrer Aufgaben. 'Allerdings waren die teilweise Auslassung und teilweise Veränderung der traditionellen Gebete um die Ankunft des persönlicheil Messias und die Auslassung solcher Gebetstücke, in denen unzweideutig erklärt wurde, daß die Zuden sich als Fremde in dem jeweiligen Lande ihres Aufenthalts betrachteten, Anzeichen dafür, daß. ein Bewußtsein von der tieferen Bedeutung der veränderten Phase, in die das Zudentum getreten, vorhanden war. Aber selbst hier fehlte es an der vollständigeil Konsequenz. Einige Gebete um die Wiederaufrichtung Zions und das Kommen eines Erlösers in der Person eines Messias wurden beibehalten. Zn seiner meisterhaften Kritik der Znkonsequenz im Gebetbuch des Hamburger Tempels sagt Geiger, die zu diesem Punkt eingenommene Stellung sehe „zu sehr einem Kompromiß ähnlich", man sieht darin zu sehr das Bemühen, das Alte nicht aufzugeben, aber dessen etwaigen nachteiligen Folgen auszuweichen, 86) 83) Jost: Kulturgeschichte zur neueren Geschichte der Israeliten. III, S. 23. 8^) Das Gebetbuch führte den Titel: Ordnung, der öffentlichen Andacht für die Sabbat- und Festtage des ganzen Jahres, nach dem Gebrauche des neuen Tempelvereins in Hamburg. Herausgegeben von S. I. Fränkel und M. I. Bresselau. Hamburg, 5579 (1819). 85) Nachgelassene Schriften I, S. 162. Allerdings wurde diese Kritik mit Bezug aus die 1842 erschienene zweite Auflage des Gebetbuches geschrieben, indessen, trifft sie ebenso gut aus diese erste Auflage zu.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.