Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 163 (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3126481-3126513-3126520--0885-3127678- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. David PHUipson: Me Refsrmbewegrrng im Judentum 163 derte. Der wissenschaftliche Geist war wieder lebendig geworden, und durch den Einfluß von Zunz und den anderer verwandter Geister wie Rapoport, Luzzatto, Geiger, Krochmal, Reggio u.a. feierte das Judentum eine literarische Wiedergeburt. - Diese Erforscher der Erzeugnisse jüdischen Geistes erreichten das Ziel, 'welches in dem pro- -gramm des „Vereins für Kultur und die Wissenschaft der Juden" aufgesteckt worden war, nämlich: die Juden mittelst einer von innen heraus fortschreitenden Entwicklung in Einklang zu bringen rnit dem Zeitalter und den Ländern, in denen sie leben.78) Der Hamburger (Tempel. Der erste Reformversuch in Berlin schlug, wie wir gesehen haben, fehl. Der orthodoxen Partei war es gelungen, die Anstrengungen der „Neuerer" mit Hilfe der Regierung vollständig zu unterdrücken. Indessen war es ein Pyrrhussieg : das Resultat war, daß das Judentum großen Abfall aus seinen Reihen erlitt. Die Reform war eine unbedingte Notwendigkeit, aber die Rabbiner der traditionellen Schule waren dieser Notwendigkeit gegenüber blind. Auch schienen die Kräfte der Fortschrittsmänner durch die völlige Niederlage gelähmt worden zu sein, und es vergingen Jahre, bevor in der preußischen Hauptstadt eine neue -wirksame Anstrengung gemacht wurde, eine zweite -gleichartige Bewegung zu organisieren. Aber die Gedanken, die die Berliner Reformer leiteten, waren nicht auf einen einzigen Ort beschränkt. Sie lagen gleichsam in der Luft; allgenrein empfand man die Notwendigkeit, den grundlegenden Glaubenslehren einen dem Zeitgeist entsprechenden Ausdruck zu verleihen. So bestand^ z. B. das predigen in deutscher Sprache in Dessau fort, obwohl es in Berlin verboten worden war, -und bald wurde diese Praxis in Süddeutschland -allgemein. Schon 18^ war von den jüdischen Gemeinden in Dänemark auf Befehl der Regierung die Konfirmation eingeführt worden.70) In Oesterreich wurde durch ein Gesetz, das im Jahre \820 erlassen worden war, von den Rabbinatskandidaten akademische Bildung verlangt und ferner wurde der Gebrauch der Landessprache geboten. Obgleich diese Erscheinungen nur vereinzelt auftraten, waren sie doch bezeichnend für die allgemeine Gärung innerhalb der Iudenheit und für den Wunsch nach liturgischen Reformen irgend welcher Art. 78) Siehe Ludwig Geiger: Geschichte der Juden In Berlin, S. 251. 79) Heber die Einführung der Konfirmation siehe des Verfassers „Konfirmation in der Synagoge"; Jahrbuch der Zentral-Versammlung der amerikanischen Rabbiner, Nr. 1, S. 43—58. Von all den Anfangsversuchen lenkte der der sogenannten Hamburger Tempelgemeinde die größte Aufmerksamkeit auf sich; mehrere der wichtigsten Streitigkeiten zwischen der alten und der neuen Schule wurden gelegentlich dieses Kampfobjektes ausgefochten. Eduard Kley, der einer der Prediger des privat - Reformtempels von Jacob Herz Beer in Berlin gewesen war, siedelte im Jahre s8s7 von dort nach Hamburg über, um in der Hansastadt den Posten eines Direktors der jüdischen Freischule zu übernehmen. Fast unverzüglich trat er mit aller Entschiedenheit für einen reformierten Gottesdienst ein und, nachdem er eine Anzahl Gesinnungsgenossen gefunden hatte, gründete er mit ihnen eine Reformgemeinde. Sofort wurden Schritte für die Errichtung eines Gotteshauses getan, und am 18. Oktober 18s8 wurde das Gebäude, das als der Hamburger Tempel berühmt wurde, eingeweiht. Dies rief nun die erbittertste Gegnerschaft hervor. Die drei Hamburger Rabbiner taten alles Mögliche, um die neue Bewegung zu unterdrücken. Die Hamburger Reformbewegung ist darum von besonderer Wichtigkeit, weil sie den Anlaß zum ersten entschiedenen öffentlichen Zusammenstoß zwischen den beiden Richtungen im Judentum gab. Indessen war der Erfolg nicht so durchgreifend, wie er hätte sein können, weil die Reformer ihren grundsätzlichen Standpunkt zu wenig hervorkehrten. Obgleich sie doch offenbar einen Protest gegen den Rabbinismus darstellten, suchten sie schließlich doch ihre Reformen vom rabbinischen Standpunkt aus zu rechtfertigen, anstatt ausdrücklich, ohne jedes Schwanken, auf dem Rechte zu bestehen, diejenigen Blenderungen an Gebräuchen und Auslegungen vorzunehmen, welche die neue Zeit verlangte.89) Der Talmud war die gesetzliche Autorität für den Rabbinismus, Jahrhunderte hindurch hielt man Judentum für gleichbedeutend mit Talmudismus; es nimmt uns daher wenig Wunder, daß die ersten Reformen ihre Neuerungen talmudisch und rabbinisch zu bekräftigen suchten. Es war indessen ein künstlicher Versuch.81) Der Geist der neuen Zeit war 80) Holdheim drückt dies treffend folgendermaßen aus: „Der Talmud spricht aus seinem Zeitbewußtsein, und für dasselbe hatte er Recht; ich spreche aus einem höheren Bewußtsein meiner Zeit, und für dasselbe habe ich . Rechts Das Zeremonialgesetz im Messiasreich, S. 50. Schwerin 1845. Siehe L. Philippsons deutliche Darlegungen über diesen Punkt. Allg. Ztg. d. Jud. VIII. (1844), S. 461; bergt, auch Holdheims Kritik von Frankels Artikel über „Reformbestrebung und Emanzipation" S. 86. Schwerin 1845. Freunds .Zur Judenfrage in Deutschland" II. 30, 159, 166 Geiger „Wipensch. Zeitschrift s. jüd. Theologie"' I. 349, V. 53. 234;, Nachgelassene Schriften, I. 93, 96; Stein, Protokolle der dritten Versammlung deutscher Rabbiner, S. 117. Breslau 1846.