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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 162

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 162 (sequence 42)
Language
German
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162 Ar. Aavrd Psirlipfsn: Are Ueformbewegung im Judentum kann nicht genug darauf hingewiesen werden, daß realistische Auffassung des zu interpretierenden Stoffes und formvollendete Einkleidung des künstlerischen Gedankens diejenigen beiden Wesenheitsfaktoren sind und sein müssen, von denen das Gelingen des Ganzen abhängt. Ja, etwas Ganzes soll geschaffen werden und nichts, was auch nur im geringsten etwas zu tun hat mit dem sich überall breit machenden Bänkelsänger tum, jenem Auswuchs von Gesangsfreiheit, die sich nicht scheut, der Straßenmelodien triviale und banale Tanzrhythmen in den Gottesdienst hineinzuziehen. Dagegen muß entschieden Front gemacht werden, und es könnte dem liberalen Gedanken nur zur Ehre gereichen, wenn er die Initiative ergreifen und allen schädigenden Einflüssen zugunsten eines in jeder Beziehung geläuterten Gottesdienstes energisch begegnen würde. Oie Keformbewegung im Juäentum. Von Hr. David Philiplon, überseht von Dr. Florden-Gberfeld. (Fortsetzung.) n Bezug auf die Gebetsprache bemerkt Zuuz, es werde „von allen Autoritäten der Gebrauch der verständlichen Landessprache für das Gebet im öffentlichen Gottesdienst gestattet, in gewissen Fällen sogar befohlen.72) Den wichtigsten Teil der Verbesserungen im Gottesdienste erblickt er „in der Rückkehr von dem Mißbrauche zu dem Brauch, welches die Rückkehr von der erstarrten zu der lebenskräftigen Form ist. Daher ist auf diesem Gebiete der reformatorischen Bestrebungen mehr von Vorurteil und Unwissenheit als von reellen Kräften Widerstand zu erwarten."^) Das Ergebnis seiner Untersuchungen faßt Zunz kurz folgendermaßen zusammen: „Reforin ist das Moment der jüngsten Generationen, deren Aufgabe es ist, in der politischen Stellung, in der Wissenschaft und der durch beide bedingten religiösen Fornr das wahrhaft Zeitgemäße zur Herrschaft zu erheben, die fortgeschrittenen Ideen durch Institutionen zu erhalten.7^) Am deutlichsten wird der Zweck dieses Buches in dem Schlußabsatz ausgesprochen; mag derselbe hier seine Stelle finden als ein klassischer Ausdruck der Hoffnungen und Erwartungen der ersten Reformer: „Die vorzüglichste Sorgfalt bei den svnagogischen Verbesserungen werde ^)aher auf die Abstellung dieser Mängel und Mißbräuche verwendet und zunächst auf die Wiedereinführung regelmäßiger gottesdienstlicher Vorträge. Möge der Vortragende Prediger oder Rabbiner, Lehrer oder Redner heißen, wenn er nur aus Bibel und Haggadah das Wort Gottes, aus alten und neuen Leistungen das echte Gold, in der Gegenwart den wahren Beruf und für die Kerzen die rechte Sprache zu 72) Das. S. 498 nebst Sinnt, d. 73) Das. f. 74) Das. S. 465. finden weiß. Dann wird wiederum in deine Tempel, o Tochter Zion! der göttliche Geist einkehren, wird sich vernehmen lasset! in dem lebendigen, Taten weckenden Wort, der Begeisterung voll, Institutionen für Israel erzeugend. Der entzündete Funke erlischt nicht wieder; ihn können Verfolgungen nur zu lichter Flamme anblasen, deinr unwiderruflich, wie der Sieg der Freiheit und der Zivilisation, der bürgerlichen Gleichstellung der Juden und ihrer wissenschaftlichen Kultur, ist die Reform und der Triumph des diese Reform offenbar machenden Wortes.7^) Mit diesem Buche hat Zunz der Sache der Reform einen großen Dienst erwiesen: Er hat der Bewegung eine wissenschaftliche Grundlage gegeben und künftigen Arbeitern den weg gewiesen.7^ Wenn auch die moderne jüdische Forschung schon vor dem Erscheinen des Buches einige Ergebnisse gezeitigt hat,77) so werden die „gottesdienstlichen Vorträge" dennoch immer als die erste große Tat der jüdisch-literarischen Wiedergeburt im l9. Jahrhundert anzusehen sein. Der ursprüngliche Zweck des Buches war ja gewesen, die Tatsache einer ständigen Etttwicklung im Judentum deutlich nachzuweisen. Allein seine Wirkung beschränkte sich nicht auf die siegreiche Feststellung des Satzes, daß diese innere Entwicklung im Judentum predigten in der Landessprache, notwendige Aenderungen in der Gebetordnung und dementsprechende Reformen rechtfertigte und for- 75) Das. S. 496. 76) Ritter: a. a. O., S. 81. 77) Rapoports Biographien von Saadia, Chananel, Nathan Ha-Babli, Elasar Kalir, Nissim und Hai Gaon waren in der Zeitschrift „Bikkure ha-Ittim“ in den Jahren 1828 bis 1831, und Luzzattos Abhandlung über die aramäische Bibelübersetzung im Jahre 1830 erschienen.

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