Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 161 (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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Hermann Zivi: Gebetbuch und Grmeindrgefang 161 Gebetbücti und Gemeindegdang. Von Hermann Zioi, Clberfeld. ie vorzüglick^en Ausführungen über „G ottesdienst und Gebetbuch" in Nr. des ersten Jahrgangs d. Bl. enthalten einen Passus, in welchem Herr Rabbiner D r. Freudenthal, Nürnberg, fehr zutreffende Bemerkungen über den Ge - m e i n d e g e f a n g macht. Wer auch nur ein offenes Auge und Verständnis hat für die Bedürfnisse' eines modernen Gottesdienstes, der weiß sehr wohl, wie geisttötend und ermüdend ein denkender und zugleich auch fühlender Mensch es empfinden muß, wenn man immer und immer wieder von ihm verlangt, Texte zu beten, die ihres durchaus veralteten und auch aus sonstigen Gründen kaum noch begeisterungsfähigen Inhalts wegen längst schon hätten entfernt werden müssen. Wenn auf solche Weise die Synagoge immer mehr entvölkert wird, so geschieht das in logischer Konsequenz dessen, was an j)etrefakten gedankenlos durch die Jahrhunderte geschleppt worden ist. Gedankenlos aber ist es auch, wenn ad maiorem dei gloriam deutsche Texte gesprochen und gesungen werden, deren einzig und alleinige Bedeutung in dem Motto gipfelt: „Reim' dich, oder ich freß' dich!" — Wenn wir uns darüber klar werden, wieviel Unsinn die j)seudoreform damit gutgeheißen hat, dann müssen wir ohne weiteres zur Erkenntnis gelangen, daß eine Revision auch des deutsch-textlichen Gebet- und Gesangbuches nicht mehr von der Hand zu weisen ist. Und in diesem Sinne hat Herr Dr. Freudenthal vollkommen recht, wenn er, mehr als es bisher geschehen ist, einem vernünftigen Gemeindegesang das Wort redet. Denn darüber wollen und können wir uns nicht hinwegtäuschen: unser Gottesdienst in seiner ganzen historischen Entwicklung ist dermaßen geartet, daß wir Alle Gelegenheit haben müssen, uns an dem Vortrag von Gebeten zu beteiligen; und wenn es unserm feineren Gefühl nicht mehr entspricht, daß dies durch ungeordnetes 21711ina ert geschehe, so muß dafür gesorgt werden, daß auch nach dieser Richtung hin die Würde des Gottesdienstes zum Ausdruck gelange. Sowohl textlich wie musikalisch muß alles sorgfältig vermieden werden, was auch nur den Anschein hat, mit dem Ideal eines w a h - r e n Gottesdienstes im Widerspruch zu stehen. — Was nun den textlichen Teil zunächst betrifft, so mögen die mit dem nötigen Rüstzeug des Wissens und Könnens ausgeftatteten Rabbiner und Lehrer und aus § aien - kreisen solche, die religiös genug und dichterisch veranlagt sind, der Mitwelt zeigen, inwieweit sie ernstlich gewillt sind, eine vernünftige Reform der Texte für den Gemeindegesang in die Wege zu leiten; sie alle mögen dafür Sorge tragen, daß, wo es an geeigneten Texter: fehlt, neue geschaffen werden, die durch Form und Inhalt imstande sind, einer Gemeinde das zu geben, was sie von einem wirklich zeitgemäßen Gottesdienst billigerweise verlangen darf, lind wenn wiv dann für die verschiedenen Bedürfnisse des Jahres eine Anzahl von guten, deutschen und ausgewählten hebräischen Texten haben, dann werden in einem andern ^ager auch diejenigen Männer zu finden sein, dio ihr musikalisches Können sicherlich gern in den Dienst der heiligen Sache stellen. Es darf als sicher angenommen werden, daß die komponierenden Kantoren Deutschlands in dem Moment auf dem j)lan erscheinen, wo es sich darum handelt, im Sinne des liberalen Judentums praktische Arbeit zu leisten. Um aber auch über den Begriff „j ü - dische Melodien" im Klaren zu sein»