Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 160 (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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160 Markus Fevy: Kind, Kunst, Kultus der Gegenwart Darum müssen alle diejenigen, denen das Wohl unserer Jugend am Kerzen liegt, denen es Ernst ist um den Fortbestand unserer Religion sich die Frage vorlegen: „Wie muß sich in der Folge unser Rultns gestalten, wenn er dauernd und nachhaltig auf unsere im modernen Geiste erzogene Jugend einwirken soll? Ist der Weg, den unsere Großgemeinden mit der Neugestaltung des Gottesdienstes eingeschlagen, der richtige? Betrachten wir, bevor wir diese Frage beantworten, die Entwickelung, die die Pädagogik in der Gegenwart genommen hat, beachten wir ihre Forderungen, ihre Mittel und Ziele. Wer kennt nicht die mannigfachen Bestrebungen der letzten Jahrzehnte, die alle darauf Hinzielen, die kindlichen Sinne für Schönheit und Harmonie empfänglich zu machen? Jede Zeit hat ihr Bildungsideal; und in jedem Jahrhundert gab es denkende- Menschen, die den Schatz, der in den Tiefen der Rinderseele ruht, ahnten. Unsere Zeit aber will ihn heben, sie will verwirklichen, was den vergangenen Geschlechtern nur ein unbestimmtes Ideal war. Von aller Rraft, Schönheit und Harmonie in Runst und Natur soll ein belebender brauch, ein schimmernder Strahl in das Rinderherz fallen. Gr soll die schlummernden Sinne erwecken. Gr soll sie erschüttern und rühren, tiefe, nachhaltige Stimmungen in ihnen erzeugen. Sittliche Werte soll er in ihnen auslösen, die sie stärken im Rampf ums Dasein. „Das Beste ist für Rinder gut genug." Die Runst hat sich in den Dienst der Erziehung gestellt und die Größten in ihrem Reich haben unendlich viel Schönes und Stimmungsvolles geschaffen. Und wenn wir Großen auch nicht mehr genießen können, ohne zu grübeln; bei dem Rinde ist alles Gefühl und Stimmung; es jauchzt mit den Glücklichen und weint mit den Betrübten. Was die moderne Erziehung als ihre Aufgabe betrachtet: Im verein mit hoher reiner Runst ein von Rraft- und Schönheitsgefühl getragenes Geschlecht heranzubilden, das sollte auch die vornehmste Aufgabe des modernen, jüdischen Rultus sein. Wo aber düstere Farben und Töne das kindliche Gemüt abschrecken, wo endlos lange, ihm unverständliche Gebete seinen Geist ermüden, wo kein Sang und Rlang seine Sinne belebt und seine Muttersprache, sein kostbarstes Gut, nie erklingt: da wird unserer Jugend das Beste, das Edelste entzogen. Und wenn sie auch äußerlich am Gottesdienst teilnimmt: Ihr Gemüt bleibt leer, ihr Gefühl verkümmert. Darum müssen alle Rünste wetteifern, über die Stätte kindlicher Andacht eine Fülle von Licht und Schönheit auszugießen; einen Reichtum an Formen und Farben, daß schon der Anblick des Gotteshauses jene weihevolle Stimmung hervorruft, die die Rindesseele emporträgt zu ihrem Schöpfer. Jene Stunden aber, da Israels Jugend im Heiligtum des Herrn weilt, sollen ihr Stunden' höchster Weihe, tiefsten Friedens sein. Sinnige, kraftvolle Worte 'sollen sie begeistern. Tiefe, friedvolle Weisen sie rühren. Jubelnde, rauschende Rlänge sie erheben.... Und ihnen künden: Längstvergangene Geschlechter haben so vor Gott gestanden. Und auch die, die da kommen werden. . . Alle Sehnsucht der Rindesseele, wird ihren Weg zu Gott finden, heilige Glut in die Kerzen dringen. Jubelnder Sang von den Lippen klingen: Wie schön sind deine Hallen, Jakob! Deine Wohnungen Israel!