Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 159 (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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Markus Frvy: Kind, Kunst, Kultus den Gegenwart 159 Kind, Kunft, Kultus der Gegenroart. Von Markus Leo^-Mogöeburg. Lornaobti deouiriill 1i des näonni nelsed: „Ich freue mich, wenn es heißt: Wir wollen in's Gotteshaus gehen!" (Psalm 122.) ls ein machtvoller, kunstreicher Bau erhob sich der Tempel Salomos einst auf Morias höhen; einfach und schlicht in seinen Linien, aber eindrucksvoll und bedeutsam in seinen äußeren Formen. Jubelnde Thöre brausten durch seine fallen; schmelzendes Saitenspiel erklang in seinen Höfen. Fehlerlos und rein war das Gpfer und in kunstvollen, goldenen Becken ward es dargebracht. So wie er war, hatte er seine tiefe Bedeutung für die Alten und seinen erziehlichen wert für die Jungen. Das ganze religiöse Gefühl Israels war damals von hohem, künstlerischem Empfinden durchhaucht. Nicht griechisch-sinnlich, hellenistisch, sondern rein und erhaben wie die Lehre Rloseh. Was der Knabe David auf einsamer Trift empfunden, was der Jüngling Salomo in Nächten erträumt: Das war nur ein Ausfluß der Volksseele. Das Land unserer Väter war von unermeßlicher Schönheit. Aber der Tempel brach 'in. Trümmer und die heimatliche Scholle verwilderte. Und dann zwei Jahrtausende voll Not und unsagbarem Elend, wo nur das eine blieb, „zu sagen, was ich leide." Der Jude, der einst auf heimatlichem Boden gesessen und Kunst- und Schönheitssinn ans ihm gesogen, der wandelte nun ruhelos über die Erde oder fristete hinter dumpfen Mauern ein jammervolles Dasein. Ghetto und Kunst waren schwer vereinbar und noch schwerer Kunst und Fanatismus . Da ward der tausendjährige Druck von uns genommen. Und siehe, das künstlerische .Erbteil, das in uns schlummerte, regte sich; die Jahrhunderte des Leides hatten nicht vermocht, es zu vernichten. Die tiefe Sehnsucht, die schon in David und Salomo gelebt, die höchsten und erhabensten Gedanken unserer Weltanschauung durch die Kunst zum Ausdruck zu bringen, erwachte wieder. Durch die Kunst sollte sich unser Kultus wieder würdig gestalten, verjüngen, wie in alten, unvergessenen Tagen. Und es entstanden gewaltige, imponierende Gotteshäuser, von deren Zinnen weithin das Davidszeichen glänzte und deren Inneres in kostbarem, reich verziertem Schrein die heilige Lehre bewahrte. Und die herrlichste der Künste, deren Klänge uns emportragen über alle Erdenschmerzen, stellten wir wiederum in den Dienst des hochheiligen. Darüber erhob sich freilich der Streit zwischen den Parteien; und die Alten eiferten gegen die Jungen und warfen ihnen Nachahmungsgelüste und verrat an: Judentum vor. Sie vergaßen aber, daß wir ein historisches Recht darauf haben, unseren Kultus künstlerisch zu gestalten, daß es nicht Nachahmung fremder Kulte war oder lediglich ein Zugeständnis an die moderne Zeit, sondern eine eiserne Notwendigkeit, um unsere in modernem Sinne erzogene Jugend vor völligem Indifferentismus und vor Abfall vom Judentum zu bewahren. Ja! unsere Jugend, unsere Hoffnung! Für sie ist der Gottesdienst durch die Macht der Verhältnisse zum einzigen Rückhalt geworden, das einzige Band, das sie oft noch an unsere Religion fesselt. Denn das elterliche Haus, das doch die festeste Stütze der Jugend sein sollte, hat leider längst aufgehört, der heutigen Generation das zu sein, was es früheren Geschlechtern gewesen. Und weil das jüdische Kind nun einmal keine religiöse Anregung mehr im Elternhaus empfängt, ist es ganz auf das Gotteshaus angewiesen und der Gottesdienst soll und muß ihm alles ersetzen.