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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 158

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 158 (sequence 38)
Language
German
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158 MsL Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung also niemals auf spekulative Ideen, auf theoretische Erkenntnisse erstrecken. Auf diesem Gebiet teilt jeder Prophet die naiven Ansichten seiner Zeitgenossen; keinen zeichnet eine einzigartige Erkenntnis kosmologischer oder physikalischer Dinge aus; ja sogar die echte Wissenschaft vom Wesen Gottes und seinen Attributen ist der biblischen Offenbarung versagt. Ihr wahrhaftiges Ziel ist die Erkenntnis und Einschärfung des göttlichen Gesetzes. Biblische Weltanschauung, wenn man von einer solchen reden darf, hat allein die unmittelbar praktische Aufgabe und Absicht, jenem göttlichen Gesetz zur Anerkennung zu verhelfen. Die ausschließliche Bedeutung der positiven Religion, der Zeremonien und des Geschichtsglaubens, liegt also für Spinoza darin, daß sie ein Hilfsmittel für die Moral ist; reiner Selbstzweck kann sie niemals sein. Der Denker zeigt sich so als ein echter Jünger der rationalistischen Aufklärung: Kants Lehre, daß die Religion die Aufgabe habe, sich — durch die von ihr zu leistende Moralisierung der Menschen — überflüssig zu machen, wirft ihre Schatten voraus. Aber Spinoza wäre kein echter philosophischer Rationalist, wenn er der überlieferten Religion, auch wo sie nur der versittlichung der Menschheit dienen wollte, die Gleichberechtigung mit der philosophischen Ethik zugeftehen würde. Denn das göttliche Gesetz, so lehrt er, fließt nicht aus einerfremden Quelle hervor; sondern ist in der Ratur des menschlichen Geistes verankert. Wie dessen Wesen aber nur durch den reinen Intellekt erforscht werden kann, so richtet sich der Zug des Geistes zum Gewinn des höchsten Gutes, d. h. zur Vervollkommnung der Vernunft, nach Wegmarken, die der Intellekt nur in seinem eigenen wesen und dem wesen des Seins überhaupt finden kann. Darum mag die Einkleidung, mit welcher die überlieferte Religion das göttliche Gesetz umhüllt, die religiösen Geschichten und Zeremonien, wohl denen nützlich und fördersam sein, die sich zur Klarheit der reinen Erkenntnis noch nicht emporgerungen haben. Der weise bedarf weder des Geschichtsglaubens noch der fronnnen Symbole und Sinnbilder, die nur als die anschaulichen Darstellungsmittel eines Guten von wert sind. Er kann ihrer umso leichter entraten, als alle Lockmittel und Drohungen von seinem Gemüte abprallen, für das die Liebe Gottes Tugend und Lohn zugleich ist. wo derlei Momente noch einen entscheidenden Einfluß auf den menschlichen Willen ausüben, da erscheint das göttliche Gesetz nicht in seiner Reinheit als der Ausfluß der ewigen Notwendigkeit der göttlichen Natur, sondern als eine Sammlung zufälliger Regeln, die der willkür eines menschenähnlich gedachten Gottes entspringen. Und weil die biblischen Schriften an Verheißungen und Drohungen, an Zeremonien und positiven Satzungen die Fülle darbieten, vermag Spinoza den Propheten auch keine adäquate, keine wahrhafte . das Wesen Gottes und seines Gesetzes völlig, durchdringende Erkenntnis zuzugestehen. Die echte Religion bleibt schließlich dem Philosophen Vorbehalten. Denn sie ruht allein auf der rationalen Einsicht der Vernunft. Diese Formel zieht die Summe der hier vorgetragenen Lehren, wie sie mit aller Klarheit auch die Grenze der Einsicht Spinozas zeigt.

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