Mannheim
Compact Memory

Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 157

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 157 (sequence 37)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3126481-3126513-3126520--0879-3127672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

157 Mar Wiener: Jtttr Geschichte der religiösen Ans Klärung für den Geist jüngerer Generationen die große Vergangenheit spiegelte. ' Diese Einsicht, die das Fundament jeder wissenschaftlich haltbaren Bibelauslegung bildet, wird dadurch noch vertieft, daß Spinoza eine wichtige religionspsvchologische Erkenntnis aufgeht; ein besseres Verständnis für den Sinn und den eigentlichen Zweck der Religion. Er erkennt, daß die biblische Religion ursprünglich gar keine „Weltanschauung" im eigentlichen theoretischen Sinne dieses Wortes lehren will. Die mittelalterliche Theologie, die Scholastik der Thriften wie der Juden und des Islams, hatte überwiegend in der Religion eine Erkenntnis des Seienden erblickt. Und diese intellektualistische Stimmung trägt wohl die Hauptschuld an dem tausendjährigen Irrtum, daß die heiligen Schriften den Gläubigen allerhand theoretische Lehren über die Entstehung und Einrichtung des Weltgebäudes und seiner Teile schenken wollten. Spinoza sucht nun die verwischte Grenzlinie zwischen Glauben und Wissen von neuem zu ziehen. Nach ihm ist das Ziel der Wissenschaft die Wahrheit, die durch rationale Erkenntnis geleistete Durchdringung des Seienden in seinem ällseitigen Zusammenhänge; die Religion aber bezweckt allein den Gehorsam gegen das göttliche Gebot in Liebe und in Gerechtigkeit. Unter diesem Gesichtswinkel wollen alle Offenbarungen des Alten wie des Neuen Testamentes gewürdigt sein. N u r unter diesem; denn ihr Gehalt an theoretischen Lehren kann den denkenden Geist nicht befriedigen; er ist voller Widersprüche. In jener praktischen Absicht aber kommen sie überein. Spinoza erhebt sich hoch über den landläufigen religiösen Rationalismus, der auch in unseren Tagen noch nicht ausgestorben ist. Niemals verfällt der Philosoph in den Fehler, den unleugbaren Widerspruch zwischen manchen theoretischen Sätzen der Religion und den Urteilen der Wissenschaft, dadurch zu überbrücken, daß er an jenen so lange herumdeutet und deutelt, bis sie ihren ursprünglichen für die besser informierte Erkenntnis anstößigem: Sinn verloren haben. Mit besonderer Vorliebe hat diese „vernünftige" Auslegung sich stets der Wundererzählungen angenommen und sie höchst kunstvoll als „natürlich" erklärt. Vor derartigen Gewaltsamkeiten, die den: ursprünglichen religiösen Glauben das Rückgrat zerbrechen, bewahrt ihn sein hohes Verständnis für historische Dinge. Er erkennt, daß bei der Geburt und dem Wachstum der religiösen Vorstellungen vor allem die mythenbildende Kraft der Phantasie mitwirkt; er ist unbefangen genug, alle gekünstelten metaphorischen und rationalistischen Deutungen von Bibelstellen zu verwerfen, da ja die heilige Schrift für das Volk, nicht nur für Philosophen geschrieben sei. Ihre Autoren aber, Propheten und Apostel, waren, wie er richtig sieht, den subjektiven Regungen der Einbildung, den Einflüssen ihrer zufälligen Persönlichkeit nicht minder ausgesetzt als gewöhnliche Sterbliche. Man darf also sich nicht wundern, wenn der eine, ein ksirte, seine visionären Bilder als Szenen des Landleben^ erblickt, der andere, ein vornehmer Mann im Schatten des Thrones, Gott mit den Insignien des Weltenkönigs schaut; man darf auch über die theologischen Widersprüche nicht staunen, daß Gott bald als allgegenwärtig, bald als räumlich begrenzt, erscheint; dem einen allwissend gilt, dem anderen nicht. So deckt Spinoza nicht bloß die subjektive individuell verschiedene Phantasie als eine der Quellen der religiösen Vorstellungswelt auf; sondern er zeigt zugleich, auf der Grundlage seiner historisch-kritischen Einsicht, daß die Bibel, wie sie kein einheitliches literarisches Werk ist, auch keine unbedingt geschlossene widerspruchslose Anschauung von den göttlichen Dingen besitzt und besitzen kann. Die Offenbarungen können sich

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.