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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 156

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 156 (sequence 36)
Language
German
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156 0 O Mar Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung In diese rationalistische Grundstimmung müssen wir uns einfühlen, um die Punkte zu erkennen, an denen sich Spinozas Lehre von der Religion unterscheidet, wie sie im Gerzen des schlichten Gläubigen lebt. Die „positive" Religion verkündet einen Gott, der bei aller Vollkommenheit doch menschenähnlich bleibt. Seine Ordnung waltet in der von ihm geschaffenen Welt. Wohl wird diese Harmonie durch die Gesetze bewirkt, die der Schöpfer dem All eingeprägt; und im allgemeinen werden jene Gesetze es auch zulassen, daß sich in der natürlichen Welt die gottgewollten Ideale des Rechtes und der Sittlichkeit vollziehen können. Oft genug aber kümmert sich der alltägliche Verlauf der Dinge nicht um Recht und Gerechtigkeit und die Sonne beglückt mit ihren Strahlen Fromme wie Frevler. Da hat das naive religiöse Bewußtsein einen eigenartigen Ausweg ersonnen: wo die Natur der Erfüllung der sittlichen Ideen unüberwindliche Schwierigkeiten in den Weg legt, da durchbricht der außerweltliche Gott die Fessel der starren Notwendigkeit, durch ein Wunder, das die bedrohte oder schon gestörte moralische Weltordnung wiederherstellt. Wenn der gewöhnliche Lauf der Dinge der sittlichen Idee nicht Genüge leistet, dann muß das Außerordentliche, das Wunderbare in ihren Dienst treten. So verlangt es die Heiligkeit des als persönlich — d. h. eben als menschenähnlich — gedachten Gottes. Dieser Anschauung setzt der Pantheismus Spinozas die Gleichung entgegen: Osus 3iv6 natura; die gottseiende Natur, der naturseiende Gott: sie existieren, sie wirken sich aus nach ewigen Regeln, die — dem Sein immanent — von außen keine Einwirkungen erfahren, keine erfahren können, weil es eben kein Außen gibt, weil Gott alles in allem ist. Wir werden sehen, wie auf dem Grund Jener entscheidenden Formel, welche Gott und Welt eins setzt, schließlich eine tiefe Mystik erwächst, die, obwohl immer umweht von der kühlen Atmosphäre des Intellekts, den Lanzen Menschen ergreift und fortreißt. Aber für heute soll uns nicht der Inhalt der religiösen Ansicht des Spinoza ^beschäftigen, sondern seine Beurteilung des positiven Glaubens. Diese Stellung wurzelt eben in jenem unbedingten Rationalismus, dem festen Glauben an die schöpferische Kraft des Denkens, die allein die volle Wahrheit über das Seiende zu verbürgen imstande ist. Spinoza leugnet nicht, daß die Lehren der Religion, wie sie Judentum und Christentum verkünden, wichtige Teilwahrheiten enthalten. Aber das Stück Wahrheit, das sich in ihnen birgt, ist unter mancherlei Irrtum begraben. Das darf um so weniger wundernehmen, als die religiösen Urkunden, die Schriften des Alten und Neuen Testamentes, durchaus nicht ohne weiteres die untrügliche Offenbarung des heiligen und wahrhaftigen Gottes enthalten. Spinoza ist der erste wissenschaftliche Bibelkritiker der neuen Zeit. Er will mit den Augen des Philologen das Buch der Bücher wie irgend ein anderes Literaturwerk prüfen; scharfsinnig nimmt er,so manches Argument der Bibelwissenschaft des letzten Jahrhunderts vorweg; sucht — in vielen Punkten unwiderlegbar — nachzuweisen, daß die herkömmlichen Vorstellungen über die Entstehung der einzelnen biblischen Schriften auf Irrtum beruhen, so etwa, daß die Bücher Mosis, Iosua, Samuel und andere nicht von jenen Männern abgefaßt sein können, die zweitausendjährige Ueberlieferung als die Autoren anerkannt wissen wollte. So werden durch ihn die Grundlagen des Traditionsglaubens erschüttert: dem kritischen Blick stellen sich die Erzählungen der Bibel nicht mehr dar als der unmittelbare literarische Niederschlag, nicht mehr als Berichte von Augenzeugen oder gar als Aufzeichnungen jener historische?: Melden selber; sondern sie erweisen sich zum großen Teil als die Bilder, in denen sich

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