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Liberales Judentum · 1911-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1911) · p. Seite 155

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Journal
Liberales Judentum
Volume
3 (1911)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1911)
Date
1911-06-01
Page
Seite 155 (sequence 35)
Language
German
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Mas Wiener: Zur Geschichte der religiösen Aufklärung 155 Zur Gefdiichfe der religiösen Aufklärung. Von ITlax Wiener-Düffeldorf. II. Spinozas Stellung zur Religion in der Offenbarung. 'escartesH war in ängstlicher Scheu jedem offenen Konflikt mit der Kirche ausgewichen, wiewohl der Geist seiner Weltansicht dem Sinn der Kirchenlehre durchaus widerstrebte. Mit dem Inhalt seiner philosophischen und naturwissenschaftlichen Gedanken zwar hätte sich bie Kirche schließlich abgefunden, ebenso gut wie mit den Entdeckungen eines Kopernikus und Galilei. Der tiefste Gegensatz aber betraf das rationalistische Prinzip, das vertrauen auf die Allmacht der menschlichen Vernunft. Als der Fortsetzer, der Vollender von Descartes' Werk gilt in der Geschichte der Philosophie Spinoza. In den Beziehungen der beiden Denker zur überlieferten, zur „positiven" Religion beobachten wir ein ähnliches Verhältnis, das freilich durch die bei beiden grundverschiedenen Lebensgefühle verhüllt wird. Den französischen Grandseigneur leitet bei seinen Forschungen allein der theoretische Trieb, für sich selber die Wahrheit zu erkennen, das egoistische Streben, sich persönlich aufzuklären. Das Bedürfnis, durch neue Wahrheiten die Welt zu beglücken, liegt ihm gänzlich fern. Er zog die beschauliche Ruhe des stillen Gelehrten dem Ruhm einer Märtyrerkrone vor. Anders Spinoza. Zwar hielt auch ihn eine grenzenlose Scheu vor dem Lärm und den Händeln der Welt während des größten Teils seines Lebens in der behaglichen Einsamkeit holländischer Städtchen verborgen. Aber sein werk zeigt nichts von der selbstsüchtigen Enge des reinen Theoretikers, der nur persönlichen Wissensdurst zu .stillen trachtet. Unter der scheinbaren Kühle *) Vgl. die Januarnummer. nüchternsten Denkens, bas die Handlungen der Menschen anschauen will, als wären es Linien, Flächen, Körper, lodert der glühende Affekt des Weltverbesserers, der die Wahrheit entdecken will, auf daß sie der irrenden Menschheit zur Heilung diene. Darum weist Spinoza unerschrocken auf den Irrtum hin. Unter diesem Gesichtswinkel ist seine Kritik der Gffenbarungsreligion zu verstehen. Das einzige Werk, das Spinoza neben einer Darstellung der Philosophie Descartes' selbst veröffentlicht hat, ist der theologisch-politische Traktat. Er verficht darin das Recht auf Denk- und Gewissensfreiheit, ein damals selbst im freien Holland noch unerhört kühnes Verlangen. Die Begründung dieser Forderung nötigt ihn, zur offenbarten Religion und ihren heiligen Urkunden Stellung zu nehmen. Spinozas philosophische Lehre ist — wie das oftmals mit der Weltansicht der ganz Großen zu gehen pflegt — ein Lebensbekenntnis von der kühnsten Einseitigkeit; die Vergötterung der Vernunft, die Anbetung des reinen Erkennens. In ihm brennt eine Leidenschaft von gewaltigster Kraft: die Sucht durch das Denken allein die Fülle des Seins gänzlich und restlos auszuschöpfen. Da gibt es keinen Platz für die Erfahrung, für der Sinne trügenden Schein. In der mathematischen Erkenntnis, jener Methode, in der die Vernunft eine Wirklichkeit gedanklich erfaßt, indem sie diese Wirklichkeit erzeugt, erblickt er darum das einzige Instrument, .durch das unser Geist sich des Seienden wahrhaft zu bemächtigen vermag. Und so wird ihm die Welt zu einer Folge mathematischer Ideen, die durch die Bande strenger Notwendigkeit mit einander verkettet sind. In diese eiserne Fessel ist das Walten Gottes ebenso geschmiedet wie die Gedanken und Leidenschaften der Menschen.

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