Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 150 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Zum hundertjährigen Geburtstag von Leopold Föw Air Konfirmation. Auf traurige Irrwege war nicht nur die jüdische, sondern auch die christliche, namentlich auch 'die protestantische predigt geraten. Geläutertem Geschmacke waren die Pforten der Kirche ebensowenig zugänglich, wie die der Synagoge. Aber während in ersterer schon mit Spener eine Wendung zum Bessern eintrat, ragte die abgeschmackte Derascha tief in die Zeit Lessing's und Mendelssohns hinein. Zuerst wurde die Jugenderziehung von dem Flügelschlage dieser Zeit berührt. Zn immer weiteren Kreisen hörte der Talmud aus, Gegenstand des Zugendunterrichtes zu sein. Die Derascha des Bar-Mizwah-Knaben fiel somit von selbst weg, und in Deutschland, dem eigentlichen Schauplatze dieses Umschwunges, schwand allmählich die Bar- Mizwah-Feier aus der Reihe der Familienfeste, oder sie wurde, wo man sie auch beibehielt, ganz und gar des doktrinellen Charakters beraubt. Sie teilte das Geschick des tief herabgekommenen synagogalen Kultus. Als daher den Reformatoren des letztern kein anderer Ausweg blieb, als predigt, deutsches Lied und Choräle dem Kultus der Protestanten zu entlehnen, machten sie zugleich den versuch, die protestantische Konfirmation auf jüdischen Boden zu verpflanzen, und dadurch der Bar-Mizwah-Feier einen neuen Geist einzuhauchen. Mit diesem Akte inaugurierten sie die viert e Periode der Bar-Mizwah- Feier. Die von den jüdischen Reformatoren adoptierte, protestantische Konfirmation ist von ihrer katholischen Namensschwester wesentlich verschieden. Die katholische Konfirmation oder Firmelung gilt als Sakrament. Zhre Vollziehung, deren älteste und wichtigste Bestandteile, Handauflegung und Salbung, anerkannter Maßen dem jüdischen Ritus entnommen sind, — gehört zu den Privilegien der Bischöfe. Sie wurden im zweiten Zahrhundert mit dem Taufakte verbunden, später von demselben getrennt und an siebenjährigen Kindern vollzogen. Magische Wirkungen wurden ihr von jeher zugeschrieben. Alles dies wird in den protestantischen Symbolen verworfen. Der Konfirmationsakt, welchen die Reformatoren empfahlen, hat durchaus nichts Magisches und Geheimnisvolles; es sind lediglich sittlich-religiöse Anregungen, welche von dem Glaubensbekenntnisse und dem Gelöbnisse der Glaubenstreue von seiteil des Konfirmanden und der Erflehung des göttlichen Segens von seiten deskonfirmierenden Geistlichen erwartet werden. Objektiv geschieht bloß die Aufnahme des. erstern am Ausgange seiner Kindheit zum selbständigen Glieds der Gemeinde. Der Konfirmationsakt hatte bei den Protestanten seine Entwickelungsphasen, deren Darstellung nicht hierher gehört. Doch darf nicht unerwähnt bleiben, daß die Einführung desselben erst im siebenten Zahrhunderk ihren Anfang nahm, und nur allmählich bewerkstelligt wurde. Zuförderst wurde still, und einzeln, dann erst öffentlich und in ganzem Gemeinden konfirmiert, wobei die Beschlüsse der Landeskirchen maßgebend waren. Zir manchen Gegenden Deutschlands geschah die allgemeine Einführung erst im dritten Zahrzehnt des vorigen Zahrhunderts. So weit waren die Protestanten in früheren Zeiten entfernt, die Konfirmation als integrierenden Teil ihres Kultus zu betrachten. * Die Konfirmation ist mithin keine originelle jüdische Einrichtung; auch haben ihre Wortführer das Attribut der Originalität nicht für sie in Anspruch genommen. Sie steht ihrem Ursprünge nach auf gleicher Linie mit anderen, aus früheren Zahrhunderten stammenden Neuerungen. Als ihre Präzedentien können beispielweise angeführt werden: die fremdsprachlichen Namen, das Gevattertum, das Pergament der Thorarollen^ die gereimten pijjutim, die Verlegung des Beschneidungs- und Trauungsaktes in die Synagoge, die Verbindung der Hochzeitfeier mit der Kopulation, der „große" Sabbat, die Glasmalerei auf Synagogenfenstern, der Eiergenuß am Pessachabend, der „grüne" Synagogenschmuck am wochenfeste, die Morenu-Ordination, die „Sammelbüchsen" und die fremden Gesänge in allen und die instrumentale Sabbatbegrüßung in manchen Synagogen. Mit dem Gevattertume hat die Konfirmation auch den fremden Namen, gemein. . Andererseits fehlt es ihr aber nicht an geschichtlichen Anknüpfungspunkten. Die religiöse Majorennitätserklärung war in den deutschen Synagogen bereits seit zwei Zahr-