Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 148 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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148 Zum hundertjährigen Geburtstag von Leopold Föw Scharfsinn, seine philologische Sxürkraft, sein ordnender systematischer Geist stellen ihn in eine Reihe mit den größten Philologen und systematischen Theologen. Sein literarisches Schaffen war aber nicht der weltabgewandten Wissenschaft gewidmet, sondern verfolgte eminent praktische Ziele. Tr wollte die Wissenschaft dem Leben vermählen, und so ist er in seinem umfassenden literarischen Schaffen ein Vorkämpfer des liberalen Judentums, gleich Abraham Geiger. hervorragenden Anteil nahm Leopold Löw an den Verhandlungen der beiden Synoden zu Leipzig und Augsburg (1869 und 1871). Im Auftrag der ersten israelitischen Synode erstattete Leopold Löw ein ausführliches, von seiner staunenswerten rabbinischen Gelehrsamkeit Zeugnis ablegendes Gutachten über das „Fahren am Sabbat", hervorragenden Anteil nahm er an den Debatten und Beschlüssen über die Orgelfrage, über Ehesachen u. a. Seine bedeutsamsten wissenschaftlichen Ergebnisse sind niedergelegt in seinen Beiträgen zur jüdischen Altertumskunde, in seinem hervorragenden, hochinteressanten und gelehrten Werke „Die Lebensalter in der jüdischen Literatur von physiologischem, Rechts-, sitten- und religionsgeschichtlichem Standpunkte betrachtet", und in seinen zahlreichen bedeutungsvollen Abhandlungen in der von ihm herausgegebenen und größtenteils selbstgeschriebenen Wochenschrift „Len Chananjah". Die wichtigsten Aufsätze dieser Zeitschrift nebst seinem wissenschaftlichen Nachlaß und interessanten Briefen sind von seinem Sohn Immanuel Löw zusammen herausgegeben worden in dem wertvollen Werke „Gesammelte Schriften von Leopold Löw", einem stanäarä work des liberalen Judentums. Der Geist, die Gelehrsamkeit, die aktuelle Bedeutung Leopold Löws werden demjenigen, der seine Schriften nicht kennt, am klarsten sich vor die Seele stellen durch folgende kurze Auszüge und Mitteilungen ansseinen Schriften. Urform im Mittelalter. Als die Toßafisten schule und mit ihr das Studium des Talmud zu immer größerer Blüte gelangte, und - jedes Lehrobjekt von allen Seiten dieskutiert wurde, machte man die unangehm überraschende Entdeckung, daß die herrschende religiöse f)axis nicht immer den im Talmud festgesetzten Normen und Formen entspreche. Die Rabbinen sahen sich in peinlicher Verlegenheit, da sie mit dem Talmud nicht brechen wollten, und mit der einmal beliebt gewordenen Praxis nicht leicht brechen konnten. Nach den hierher gehörigen Einzelheiten braucht man sich nicht lange umzusehen: der Anfang des Talmud bietet sogleich eine solche, hier wird allen Ernstes über die Zeit gestritten, in welcher das Abend-Schema zu lesen sei. Die Schriftgelehrten des zweiten, dritten und vierten Jahrhunderts, die sich an dem Streite beteiligten, dachten wohl nicht im entferntesten daran, daß Tage kommen können, wo man ihre Diskussion gänzlichignorieren wird. Dies geschah aber im Mittelalter in allen Synagogen: die früheste talmudische Zeitbestimmung war den Gemeinden noch immer nicht früh genug. Die Forderungen der Opportunität trugen den Sieg davon. Serachja Ha-Levi spricht dies unumwurden aus. Der Sabbatruhe gibt der Talmud eine so weite Ausdehnung, daß er sogar verbietet, Urkunden und eingelaufene Briefe zu lesen. Diesem Verbote mag sich eine Zeit leicht gefügt haben, welche sich sehr wenig mit Korrespondenzen befaßte. Im Mittelalter fand man diesen Rigorism schon unerträglich, und setzte sich darüber hinweg. Störender noch, als die Sabbatgesetze, waren die, in einer Zeit nationaler und politischer Aufregungen entstandenen, talmudischen Normen über den Verkehr mit Nichtjuden. In den europäischen Ländern kehrte sich aber Niemand mehr daran! Diese und ähnliche Präzedenzfälle hätten in der Folge für die Autorität des Talmud gefährlich werden und die Opposition gegen denselben hätte leicht noch weitere Dimen-