Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 147 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Zum hundertjährigen Geburtstag von Leopold Füw 147 -geteilt. (Eben-Ha-Ezer 62, 2 in pitche Teschubah.) Scheftel Vorwitz erklärt in seinem Testament, daß wer sich dem Tanzvergnügen hingibt, sicher in die Hölle kommen wird. (eä. Prag 1782, sec 17.) Dom Standpunkt der osteuropäischen Rabbiner betrachtet ist die ganze englische Orthodoxie vollständige Reform. Zum Beweis hierfür gelten die Beschlüsse, die die orthodoxe Rabbiner-Konferenz in Nagy Mihaly gefaßt hat und die unter dem Titel Psak des din Gfen (860 abgedruckt sind. Darin werden das Tragen einer geistlichen Amtsrobe, die Entfernung der „Bimah" aus der Mitte der Synagoge und das predigen in einer anderen Sprache als „Jiddisch" als Ketzerei erklärt. Würde nicht Hillel Lichtenstein (1815—1891)/ ber leitende Führer dieser Konferenz, die englische Orthodoxie als eine Reform betrachten, die direkt zum Abfall führt? Haben wir die Berechtigung auf dem „Get" zu bestehen, wenn wir den „Scheitel" verurteilen? Ich habe nicht die Absicht, irgend jemanden zu bekehren. Mir liegt nur daran zu beweisen, daß Reformjudentum verschieden aufgefaßt wird, und daß, wenn es zum Abfall führt, die englische und die gesamte gebildete Orthodoxie, keinen Schutzwall gegen die Taufe bietet. leopold Läw. Zu Erinnerung an feinen hundertjährigen Geburtstag. nr 22. Mai waren es hundert Jahre, daß Leopold Löw, einer der größten unter den großen jüdischen Theologen und Vorkämpfern des liberalen Judentums zu Tzernahora in Mähren geboren wurde. Nachdem er mehrere Talmudschulen mit glänzendem Erfolg absolviert hatte, kam er 183s als Lehrer nach Prosnitz in Mähren. Dort lernte er den nachmaligen fester Gberrabbiner Schwab kennen, dem er als seinem Meister und väterlichen Freund nach Ungarns Hauptstadt folgte. Er verstand es, sich so in die ungarische Sprache einzuleben, daß er seitdem, wie ein geborener Ungar, schrieb, sprach und predigte. Jm Jahre 18^0 wählte ihn die israelitische Gemeinde Kanizsa zu ihrem Oberrabbiner; sechs Jahre später folgte er dem Ruf der berühmten Gemeinde Papa, wo er als eifriger Vertreter des liberalen Judentums schwere Kämpfe mit der dortigen orthodoxen Partei zu bestehen hatte. Das Sturmjahr 18^8 trieb den feurigen tatkräftigen Mann in die Arena der Politik. Er wurde Feldprediger der jüdischen Honveds des Veßprimer Komitats und hielt damals jene berühmten Feldpredigten, wegen derer er kriegsgerichtlich verurteilt wurde und im Gefängnis büßen mußte. Nach erlangter Freiheit folgte er dem Ruf der großen Gemeinde Szegedin, wo er vom Jahre 1830 bis zu seinem Tode (1875) wirkte. Sein Leichenbegängnis war ein Liääuscü haschem. Die Hauptstraßen von Szegedin waren mit Trauerfahnen bedeckt, die meisten öffentlichen Gebäuden hatten halbmast geflaggt. Mehr als 60 jüdische Gemeinden, zahllose Vereine und Korporationen, öffentliche und private Institute waren durch Deputationen vertreten. Die Trauerfeier begann um halb drei Uhr, und es war zehn Uhr Abends geworden, als die letzten Leidtragenden den Friedhof verließen. Eine imposante äußere Erscheinung, eine wahrhafte Patriarchengestalt wirkte Leopold Löw schon durch sein persönliches Auftreten, wie durch seine gewaltige Beredsamkeit. Aber größer war er als schöpferischer Geist und als Mann der Wissenschaft. Seine talmudische Gelehrsamkeit, seine Belesenheit und sein Gedächtnis waren bewundernswert; sein