Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 139 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Adolf Philippsbsrn: Mir jungen liberalen Juden 139 bundes nicht! Aus seinen Worten geht deutlich hervor, wozu er — und nicht er allein! — diese ganze Bewegung mißbrauchen will: für den Zionismus gegen das liberale Judentum! Oder ist das noch ein unparteiischer Delegierter, der sagt: „Diese Bewegung (die jüdisch-liberale) muß im letzten Ende doch entjudaisierend wirken. Ich frage Sie daher, meine Herren, wollen Sie, daß eine jüdische Jugendbewegung entstehe, die die Gleichgültigkeit gegen das jüdische Gesetz unv den unerquicklichen Kampf gegen alle positiv jüdischen Strömungen sanktioniert?" Schon einmal konnte ich in den Blättern dieser Monatsschrift) dartun, worin wir Mitglieder des „Jüdisch-liberalen Jugendvereins" unsere höchste Aufgabe erblicken, wir wissen, daß durch unsere Zeit ein mächtiges Sehnen nach Religion geht. Wenn wir aber diese religiöse Strömung der Gegenwart beobachten, dann werden wir uns sagen müssen: nicht in der Form sucht man Befriedigung, sondern im Wesen, wenn wir auch nicht mehr auf dem Boden der orthodoxen Tradition stehen, so sind wir doch nicht gegen Ritual- und Zeremonialgefetze, wir halten sie nur nicht in dem Sinn fürverbindlich, wie die Orthodoxie. Wir leugnen nicht, welch eine Fülle von Segen das Judentum gerade diesen Bestimmungen verdankt. Wenn sich das jüdische Familienleben in seiner Reinheit und Hoheit so herrlich entfalten und seine Lauterkeit sich auch bis auf die gegenwärtige Zeit erhalten konnte, so ist das nicht zuletzt auf die zahlreichen Gebote und Verbote zurückzuführen, die 'das Leben des Juden regelten, ihm im Kampfe mit sich selbst einen starken Rückhalt boten und ihm die Kraft der Selbstbeherrschung und Entsagung verliehen. Aber die Zeiten sind anders geworden, und auch wir haben uns mit ihnen geändert. Der Druck äußerer Verhältnisse lastet zu schwer auf uns, als daß wir all diese "Verpflichtungen übernehmen könnten, die unsere im Kampf ums tägliche Brot sich heißmühende Generation noch mehr ihrer Bewegungsfreiheit berauben würden, und gar solche Ritualien, die rein nationalen Momenten ihr Entstehen verdanken, zu erhalten, daran haben wir gewiß kein Interesse. Schließlich gibt es auch Bestimmungen, deren Erfüllung unserem modernen Empfinden unmöglich ist, weil innere Gründe dagegen sprechen. Die Hülle unserer Religion — das lehrt gerade die Vergangenheit — kann sich wandeln, aber der Kern bleibt ewig; der Körper mag sich verändern, doch die Seele ist unsterblich. Unsere Religion kann nur dann unsere lebendige und lebenspendende Wahrheit sein, wenn sie unser Denken und Empfinden zu den höchsten Höhen der Vollkommenheit emporhebt. Erstreben wir als Religion der Zukunft das Judentum, so kann es nur ein Judentum sein, das nicht auf die Form, sondern auf das Wesen Wert und Nachdruck legt. Die Betonung des Inhalts gegenüber der äußeren Form, macht das Wesen des liberalen Judentums aus. Unter „l i b e r a l" verstehe ich und mit mir meine Freunde, natürlich nicht denjenigen, der allein aus Bequemlichkeit diese Gesinnung sich anmaßt. Nur der, der aus seiner heiligsten Ueberzeugung heraus in ehrlicher Selbstbetrachtung zu seinein Standpunkte gekommen ist, darf sich „liberal" nennen; und nur der — und das ist eben das Alpha und Omega dieses Gedankenganges — der den starken, unüberwindlichen willen zum Judentum hat. Er muß sich zu der Erkenntnis durchringen, daß der Sieg der jüdischen Idee auch den Sieg der Humanität und Kultur bedeutet. Dieser Kampf aber um die höchsten Güter der Welt muß die Lösung der 4) Lib. Judentum. Ja'h-rg. 3, Heft 1, S. 12.