Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 137 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Adolf Philippsborn: Mir jungen liberalen Juden 137 Vortrag gehalten hat, und in der Diskussion einige jugendliche Mitglieder in überschwänglicher Begeisterung seine Worte noch unterstrichen haben, dann läßt sich der eine oder andere leicht dazu Hinreißen, sich der Majorität anzuschließen, zumal dann, wenn er bei Beharrung auf seinem Standpunkt als „Feind des Judentums" gebrandmarkt wird. Nun wird man mir vielleicht entgegenhalten: es ist ja die Möglichkeit gegeben, daß an dem nächsten Vortragsabend ein Antizionist seine Ansichten entwickelt. Gewiß die Möglichkeit ist vorhanden, aber auch nur die Möglichkeit! Denn wer garantiert dafür, daß dieses Prinzip der Gerechtigkeit auch konsequent durchgeführt wird? Zn welchem Statut ist das als Norm festgelegt, und — läßt es sich überhaupt in die Wirklichkeit umsetzen? Da wird zum Beispiel ein historischer Vortrag angekündigt, der nichts, auch gar nichts für oder gegen den Zionismus sagen will, und doch entsteht eine lange zionistische Debatte. Soll nun etwa nach dem nächsten Vortrag antizionistisch diskutiert werden, d. h. soll man sich derartgesinnte Diskussionsredner kommen lassen, weil in der ersten Versammlung niemand zugegen war, der das Thema vom entgegengesetzten Standpunkt behandeln konnte! Das ist doch wohl unmöglich. Und eins dürfen wir doch hierbei nicht vergessen. Die Zugendvereine haben auch den Zweck, persönliche Beziehungen unter den Mitgliedern herzustellen und zu fördern. Wenn man nun als Nichtzionist oder gar als Gegner in einen solchen „zionistisch-neutralen" Verein kommt, dann ist man — das ist nicht zuviel gesagt — verraten und verkauft. Von Freundschaft kann schon gar keine Rede sein! wo immer man mit seinen andersdenkenden Vereinsbrüdern zusammentrifft, wird ein Gespräch über den Zionismus geradezu gewaltsam an den haaren herbei- Sezogen, und mit -der freundlichsten Miene von der Welt werden einein die größten Grobheiten und Beleidigungen gesagt. Dieser Zustand bedeutet für die Minorität eine. Bual, er raubt ihr die Begeisterung für eine ernste und heilige Sache, er führt zu Gruppen- und Kliquenbildungen; unter denen die Gesamtorganisation kranken muß, er bereitet endlich auch den Boden für vereine, wie unser „Jüdisch-liberaler Zugendverein Berlin" einer ist. Doch hierauf komme ich später noch einmal zurück. Man mag mir hier einwerfen, daß es ja auch "solche „neutralen" Zugendvereine gibt, in denen die nichtzionistischen, orthodoxen oder liberalen Mitglieder an Zahl überwiegen. bjat aber diese Tatsache schon zu Mißständen in der Zugendbewegung Anlaß gegeben? Zch habe mich ehrlich bemüht,, auch nach dieser Richtung hin Material zu finden, doch in dieser Beziehung war meine Arbeit umsonst. Zn dem Protokoll der letzten Delegiertenversammlung des Verbandes findet sich auch nicht e i n Wort der Klage darüber, daß in einem Verein das zionistische Element sich benachteiligt fühle; in einer kleinen Schrift, die ein mehr leidenschaftlicher als durch die Kraft seiner Behauptungen überzeugender Zionist über die Krisis in der jüdischen Zugend jetzt veröffentlicht hat, werden wohl die bösen Liberalen abgeschlachtet — wenn nämlich Worte töten könnten! — alles Schlimme wird ihnen nachgesagt, aber daß sie dort, wo sie die Mehrheit haben, diese zur Unterdrückung der Minderheit mißbrauchten, das wagt selbst dieser Gegner nicht zu behaupten. Und er hätte es sicher nicht vergessen, wenn ein solches Argument vor dem Forum der Wahrheit hätte bestehen können. Aber in dem Protokoll der Delegiertenversammlung wie in der gegnerischen Schrift wird offenherzig und sehr umständlich darüber Auskunft gegeben, daß beispielsweise in Berlin weite Kreise der jüdischen Zugend sich in dem Verbandsverein von einer zionisti-