Liberales Judentum
- Journal
- Liberales Judentum
- Volume
- 3 (1911)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1911)
- Date
- 1911-06-01
- Page
- Seite 134 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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134 Joseph Ksuffmann: Ortho-SL und liberal Religionswechsel. Den Togen Mendelssohns folgten die Zeiten der Massentaufen. Es mußte eine Gegenströmung eintreten und sie setzte ein. Das geistige Leben pulsiert naturgemäß in der Hauptsache in den Großstädten, die kleineren Orte und gar das flache Land werden weniger davon berührt. Zn den beiden Hauptzentren der deutschen Zudenheit, Berlin und Frankfurt a. 7X1., war deshalb die Bewegung: fort von jedem religiösen Zwange, los von der. Kirche, ja selbst Verleugnung der angestammten Zugehörigkeit, am stärksten. Die treu am jüdischen Religionsleben hängenden Kreise waren daher in diesen beiden Großgemeinden verhältnismäßig am meisten zusammengeschrumpft. - Aber gerade in ihnen befanden sich die besten und weitsichtigsten Köpfe. Tine Gegenbewegung begann. Die treugebliebenen Männer schlossen sich zusammen, bildeten Vereinigungen und beriefen die tüchtigsten und hervorragendsten Vertreter des konservativen Judentums an ihre Spitze, in Berlin Israel Hildesheimer, in Frankfurt Samson Raphael pirsch. Das kräftige, zielbewußte Streben dieser Männer übte große Wirkung aus. Auch sie waren einer Entwickelung nicht abhold, auch sie sahen die Notwendigkeit ein, dem Zeitgeiste Konzessionen zu machen. Nicht wurde mehr die deutsche Bildung verpönt. Der regellose, abstoßende Zustand des alten Gottesdienstes wurde zu einem geordneten gewandelt, Thorgesang und predigt wurden eingeführt, regelrechter Religionsunterricht wurde eingerichtet, ein konservatives Rabbinerseminar entstand. Diese von Berlin und Frankfurt ausgehende Bewegung verbreitete sich bald in weite Kreise, namentlich in Mittel- und Süddeutschland. Bald wurde aber über das Ziel hinausgeschossen, aus Konservativismus entstand Orthodoxie und Reaktion. Anstatt in und mit - den Genreinden zu wirken, wurde eifrig die Bildung von Separatvereinigungen betrieben, es entstand der gefährliche Grundsatz: -wer nicht mit uns geht, ist gegen uns, die Behauptung: nur wir haben das wahre Judentum; die Verketzerung aller Andersdenkenden. Der Gipfelpunkt war die Erklärung, es sei besser, wenn alle liberal denkenden Juden abfallen, dem Judentum verloren gehen würden, als wenn auch nur die geringste Abweichung von den im Talmud festgelegten Satzungen gestattet würdet Die Presse der Partei erging sich oft in unduldsamster weise gegen Jeden, der -den Standpunkt der Uebereiserer nicht teilte. Da waren diejenigen schlimm daran, die unentwegt an dem Entwickelungsgedanken festhielten, die einsahen, daß der Standpunkt - der Hochorthodoxie nicht mit der Wirklichkeit des Lebens vereinbar sei, daß es ein Unding wäre, viele tausende guter, treuer Glaubensgenossen, die warm dem Judentums anhingen, aber infolge der äußeren Lebensumstände nicht imstande waren, alle aus der Vorzeit überlieferten Satzungen zu beobachten, der Abkehr zuzutreiben, ihnen das Recht zum Judentums ab sprechen zu wollen. . Groß war die terroristische Macht der kleinen Gruppe der Hochorthodoxie, kaum wagte es ein Mann, der sich seines vollen Judentum es bewußt war, der durchaus auf dem Boden seiner Religion — seiner Ansicht nach — stand, frei und offen seinen eigenen Standpunkt auszusprechen. Der orthodoxe Rückschlag schien eine große Gefahr zu werden. Da rafften sich vor einigen Jahren eine Anzahl geistig hochstehender Männer, die von warmer Liebe zum Judentums beseelt waren, aus allen Gegenden Deutschlands, aus allen gesellschaftlichen Kreisen, auf. Sie riefen frisch und energisch die deutsche Zndenheit